Kapitel 4: Die Reise nach Sidh Eryn

Nachdem Avias von den Bären erfahren hatte, war sie entschlossen, weiterzuziehen. Trotz Tharsirions Beteuerungen, daß man mit den Riesen durchaus auskommen konnte, befürchtete sie eine Gefahr für Welpen und unvorsichtige Jungwölfe, die von den gewaltigen Tieren angezogen werden könnten.

"Es nützt nichts, den Kleinen immer wieder zu erzählen, wie gefährlich etwas ist. Sie werden immer wieder auf die Spuren der Bären stoßen, und Neugierde ist ein starker Antrieb. Eru ist groß; wir finden einen anderen Platz."

Tharsirion nickte. Er war nicht überzeugt, daß ein Bär Welpen gefährden würde, aber er konnte es nicht sicher ausschließen, und in ihrem kleinen Rudel war er der Neuling und Avias die Alpha. "Wir überqueren den Dakaron, und dann den Sirion. Die Bären können keinen der Flüsse kreuzen; sie leben nur in Urath Eryn. Aber andere Orte haben andere Gefahren."

Avias seufzte. "Wenn wir Sidh Eryn finden könnten, wären wir in Sicherheit."

"Es gibt keinen Ort wirklicher Sicherheit", widersprach Tharsirion. "Gefahren gibt es überall. Jedes Leben hat seine Herausforderungen; ohne dies wäre es kein Leben..."

"Sidh Eryn ist der Ort des Ursprungs", beharrte Avias. "Es gibt keinen besseren Platz."

"Mythen können täuschen. Viele Rudel haben in Sidh Eryn gelebt, seit die ersten WeuUkoo ihre Wanderungen begonnen haben. Keines hat den vollkommenen Frieden gefunden, den die Geschichten versprechen. – Aber gut, wenn euch so viel daran liegt, gehen wir nach Sidh Eryn."

"Du weißt, wo es liegt?" Avias stellte die Ohren auf.

"Ich kenne den Weg dorthin." Tharsirion blickte nach Süden, den Bergen entgegen. "Ich halte es nur nicht für eine gute Idee. Mythen bleiben Mythen; Legenden bleiben Legenden. Wenn man versucht, ihnen nachzujagen, kann man nur enttäuscht werden. Das Leben ist hier und jetzt, nicht an einem Ort der fernen Vergangenheit, oder einer Hoffnung in einer ebensofernen Zukunft."

Desoto musterte ihn überrascht. Ein Schamane des se vayan, der die Gegenwart pries? "Ich dachte, Schamanen seien die ersten, die über Zukunft und Vergangenheit nachdenken?"

Der Rüde wedelte amüsiert. "Wir kennen die Wolfswege der Vergangenheit; wir versuchen, die verborgenen Pfade der Zukunft zu erkennen. Aber all dies dient dem Lernen, und das Lernen dient dem Leben, und das Leben ist das Heute. Die Ahnen, die Geister – auch sie existieren im Jetzt, wenn sie zu dir sprechen. Deine Beute, deine Freunde, deine Partner – sie sind hier, nicht in Sidh Eryn, nicht gestern oder morgen. Alle Lehren, die die Natur und die Geister dir erteilen, sind bedeutungslos, wenn du nicht danach lebst. Alle deine Träume und Hoffnungen sind nichts als Hirngespinste, wenn du nicht danach handelst."

Desoto legte die Ohren zur Seite. "Und ich lebe und handele im Jetzt. Ich verstehe."

Tharsirion nickte, sagte aber nichts. Stattdessen blickte er Avias nach, die bereits entschlossenen Schrittes weitergegangen war. "Ich glaube, deine Mutter ist in Eile."

Die Wölfin seufzte und warf einen letzten Blick zum provisorischen Bau zurück, den Avias mit keinem Blick mehr gewürdigt hatte, als sei er bereits in der unwiederbringlichen Vergangenheit verschwunden. "Dann sollten wir uns auch beeilen. Ich fürchte, du wirst Avias von dieser Idee nicht abbringen."

* * *

Sie folgten dem Dakaron nordwärts, bis sie eine Stelle fanden, wo sie den Fluß überqueren konnten. Die Schlucht änderte sich nur wenig über die Kilometer; mal war sie breiter, gelegentlich schmaler, doch Desotos erster Eindruck hatte sie nicht getrogen. Man konnte manchenorts in die Schlucht hinabsteigen, wo die unmittelbaren Ufer ausgewaschen und flach waren, doch es wanderte sich besser am oberen Rand. Mal schien der Fluß breiter, sandiger; mal säumten große Felsbrocken das Wasser und brachten die Oberfläche zum Schäumen.

Bei niedrigerem Wasserstand hätten sie die eine oder andere Furt passieren können, doch im Moment war der Dakaron zu tief dafür; das Wasser hätte ihnen die Beine fortgerissen und sie in der Strömung gefangen.

Ein Bär hätte es vielleicht über den Fluß geschafft; seine Masse verlieh ihm einen sicheren Stand. Natürlich wäre es ihm schwergefallen, überhaupt in die Schlucht hinabzusteigen und dann die andere Seite hochzuklettern, aber es wäre sicherlich nicht unmöglich. Desoto fragte sich, ob die Bären von Urath Eryn es nur noch nicht bedacht hatten – ob sie zufrieden mit ihrem Leben waren – ob sie niemals neugierig auf das waren, was auf der anderen Seite des Dakaron lag. Warum verließen sie ihren Teil von Eru nicht?

Oder vielleicht taten sie es von Zeit zu Zeit, ungeachtet dessen, was Tharsirion behauptete. Wenn Avias die Bären meiden wollte, täte sie besser daran, auch jenseits des Dakaron auf jede Spur zu achten.

"Hier", kündigte Tharsirion an. "Dort unten können wir zur anderen Seite springen."

Desoto spähte in die Schlucht, die hier sehr schmal war und fast nur aus rohem Fels bestand. Entsprechend wild war der Dakaron unter ihnen, das Wasser schoß weiß und laut dahin, und Gischt stob weit über die aufgewühlte Oberfläche hinaus.

Tharsirions Ziel auf der anderen Seite war offensichtlich; ein breiter Sims, wo vor langer Zeit ein Stück der Schluchtwand herausgebrochen war. Auf dieser Seite jedoch... Desoto sah einen Vorsprung über den Fluß ragen, vielleicht drei Meter über dem brodelnden Dakaron, der fast die halbe Spanne der Schlucht überquerte – Teil eines Felsenbogens, einer natürlichen Brücke, deren andere Hälfte bereits eingestürzt war. Vom Ende des Bogens bis zum gegenüberliegenden Sims waren es abermals drei Meter; keine schwierige Distanz unter normalen Umständen, doch mit dem reißenden Fluß und der Gischt, die alles benetzte, waren die Umstände alles andere als normal. Ein Fehltritt, und ein unvorsichtiger WeuUkoo fiele in den Dakaron; an dieser Stelle vielleicht ein fataler Unfall.

Tharsirion hatte offenbar Desotos zweifelnden Blick bemerkt. "Der Stein ist porös und rauh, man hat besseren Halt, als es den Anschein hat."

"Man kommt nicht wieder zurück", bemerkte Avias, die sich den Übergang ebenfalls genau angesehen hatte. "In diese Richtung würde ich den Sprung wagen, aber von diesem Sims zurück auf den Bogen – das ist ein Kunststück, das ich mir nicht unbedingt zutraue."

Der Rüde schüttelte sich. "Wenn es euch zu schwierig ist..."

"Ich habe nichts gesagt!" protestierte Desoto.

"Gut." Tharsirion begann mit dem Abstieg, von Stein zu Stein, die Flanke dicht an der Felswand. Avias folgte ihm ohne Zögern in geringem Abstand, und Desoto bildete die Nachhut. Der Rüde hatte recht, die Oberflächen des Steins waren rauh und griffig; ihre Pfoten fanden selbst auf schrägen Tritten noch Halt. Es war kein Problem, bis zu der halbierten Brücke hinabzugelangen.

Tharsirion sprang unbekümmert, mit wenigen Schritten Anlauf fand er zielsicher den richtigen Absprungpunkt, streckte sich und landete leichtfüßig auf der anderen Seite. Noch ehe Desoto sich recht orientiert hatte, war Avias auch schon gesprungen.

Sie prüfte den Stein mit der Pfote. Er war feucht, aber zugleich so unregelmäßig, voller Poren und Kanten, daß der Weg kein Problem machte. Vier rasche Schritte, dann der Sprung... Gischt, die ihr Bauchfell benetzte... Desoto stand auf dem Sims, ehe sie sich recht des eindrucksvollen Dakaron unter der Brücke bewußt wurde. Nein, wenn man den Fluß schlicht ignorierte, war dieser Pfad nicht einmal eine Mutprobe.

Tharsirion führte sie wieder hinauf zum Rand der Schlucht – auch das keine Prüfung – und danach wieder nach Süden, auf derselben Strecke, die sie gekommen waren, nur diesmal auf der anderen Seite des Flusses. "Wenn wir nach Sidh Eryn wollen, müssen wir auch den Sirion überqueren", verkündete der Rüde. "Der Teil von Eru, in dem wir nun wandern, ist ohnehin ein wenig ungastlich."

"Kann man die Sirion-Schlucht kreuzen?" fragte Desoto. Sie entsann sich des gewaltigen Canyons; selbst wenn es einen Weg hinab gäbe, wäre er schwierig und gefährlich.

"Oh ja. Im Westen mäandert der Sirion durch das Tal und fließt bedächtiger; es gibt dort keine Schlucht, aber eine Reihe von Furten, die wir benutzen können. Urath Eryn ist vom Rest Erus durch die Flußläufe abgeschnitten, aber Kathrak Eryn ist leicht zugänglich, wenn man die Pfade kennt. Es gibt am Sirion trockenfallende Arme, in denen sich Sümpfe gebildet haben, und einen Wasserfall am Rande Erus, aber wenn man auf seine Pfoten achtet, stellt der Fluß kein ernstes Hindernis dar."

Kathrak Eryn – Steinwald? Desoto sah sich um. Dieses Ufer, wie sie schon vor Tagen festgestellt hatte, sah nicht anders aus als das des Bärenwaldes. "Gibt es hier steinerne Bäume?"

"Weiter im Westen, ja... oder jedenfalls steinerne Gebilde in vielen seltsamen Formen. Sieh lange genug darauf, und du erkennst vielleicht Bäume darin. Ich habe den Namen nicht erdacht; nur von anderen gehört, die vor mir hier waren."

Desoto blickte neugierig nach Westen. Sie hätte diese Landschaft gerne gesehen, doch Tharsirion war offenbar zufrieden, weiterhin dem Fluß zu folgen. "Wenn wir ohnehin nach Westen müssen, um den Sirion zu überqueren, warum folgen wir dann dem Dakaron? Wir könnten nach Südwesten abbiegen."

"Es läuft sich einfacher hier", meinte Tharsirion nur und blickte zu Avias hinüber. Sie war die Alpha; sie mußte eine Unstimmigkeit über den Weg schlichten.

Avias blickte amüsiert zu ihrer Tochter hinüber. "Gut, nach Südwesten dann."

Desoto machte einen kleinen Freudensprung und lief voran.

* * *

Nach wenigen Kilometern drängte schwarzer Stein aus der Tiefe an die Oberfläche; die Vegetation wurde dünner und spärlicher, die Bäume niedriger, und das Gras schien härter und trockener. Ähnlich der Landschaft um die Sirion-Schlucht herum erhoben sich kahle, felsige Stellen aus Hügeln, nur daß die WeuUkoo sich jetzt vom Dakaron entfernten. Der Boden hob sich langsam, was Desoto vom anderen Ufer aus nicht aufgefallen war, und ein merkwürdiger Geruch lag in der Luft.

"Ein Stück von hier befindet sich ein guter Aussichtspunkt. Dort kannst du sehen, weshalb ich ungern quer durch Kathrak Eryn laufe." Tharsirion deutete eine Richtung an und trabte rascher.

Desoto hielt sich hinter ihm. Neugierde hin oder her, der Geruch – schweflig und scharf – war ihr unheimlich. Er erinnerte sie an maratornai.

Der Rüde führte sie einen Kamm hinauf, dann über einen sich windenden Pfad entlang eines steilen Hügels bis zum Gipfel. Hier gab es nur noch dornige Büsche und Hecken, deren Wurzeln den gesamten Hügel zu überziehen schienen. Auf dem Gipfel selbst hielt sich nur gelbes Gras.

Die Aussicht eröffnete Desoto den Blick auf ein weites Tal, angefüllt mit steinernen Gebilden. Furchen aus Stein, zwischen denen sich Erde und Geröll angesammelt hatten; Türme aus Basalt, die sich daraus erhoben, stumme Wächter und leblose Statuen, die sich zu bizarren Gestalten geformt hatten. Am nahen Rand des Tals erreichten die Felsstrukturen vier oder fünf Meter Höhe; weiter zum Zentrum hin schienen sie sich zehn oder mehr Meter aufzutürmen, ineinander zu verlaufen, Brücken und Simse zu bilden. Desoto konnte nicht sehen, wo das Tal endete... tatsächlich schien es nicht zu enden; graue und schwarze Felsen dominierten das Land, das allmählich und in Wellen anstieg, bis zum fernen Rand Erus, wo ein massiger dunkler Berg über die Seiten des Tals floß; sein höchster Punkt kein schneebedeckter Gipfel, sondern eine schroffe Senke.

"Orthu Kerun", bemerkte Tharsirion, der ihrem Blick gefolgt war. "Es heißt, dieser Berg sei das letzte Überbleibsel der Kräfte der Erde, die einst Eru geformt haben. In seinem Inneren fließt weißglühender Stein, und die Spalten im Fels, die das Land hier durchziehen, stoßen Gase aus, die Luft und Wasser vergiften."

"Orthu Kerun", wiederholte Desoto. Schwefelberg. Das war die Witterung, die sie in der Nase hatte. Sie konnte sich nur schwer vorstellen, daß Stein in der Lage sein sollte, zu fließen, glühend oder nicht. Aber andererseits wirkte ein großer Teil des Tales so, als seien Wellen und Spritzer aus flüssigem Stein in einem Augenblick erstarrt; von neuem Stein umwogt, von einem unsichtbaren Sturm aufgepeitscht – und dann in der Zeit gefroren.

"Es gibt viele Orte in Kathrak Eryn, die so aussehen", erläuterte der Rüde. "Manchenorts überziehen Wald und Wiesen den Stein, aber allzuoft haben die Gifte des Schwefelbergs alle Pflanzen und Tiere einer Region getötet und nur braches Land hinterlassen. Hier ist der Stein aufgewühlt; an anderen Stellen ragen Gletscher aus Fels von Orthu Kerun aus nach Eru hinein, und wieder anderswo durchziehen Höhlen den Boden. Es ist ein unsicheres Land."

Desoto nickte. "Ich verstehe. Schlechtes Land."

"Schlecht..." Tharsirion seufzte. "Schlecht für Wölfe, vielleicht, oder für alle Tiere und Pflanzen, die in den giftigen Dämpfen sterben, aber nicht schlecht an sich. Das Land zürnt dir nicht, es haßt dich nicht, es wünscht dir nichts Böses. Es ist, wie es ist. Den Abgrund kümmert es nicht, wenn du hinunterfällst."

"Es kümmert aber mich, wenn ich falle."

"Gib deinen Pfoten die Schuld, oder deiner Nase, oder deinen Augen, aber nicht dem Land." Der Rüde kicherte. "Die Wiesel haben ein sehr witziges Lied – zumindest nach ihrer Sicht. Es geht darum um acht Wiesel, die sich nach Orthu Kerun aufmachen, und alle beim Versuch umkommen, den Berg zu erreichen."

"Alle?"

"Alle, jedes auf eine andere Art. Natürlich ist das Lied eine Warnung, aber die Wiesel verkleiden es als Spott."

Desoto dachte darüber nach. Sie kannte keine Wiesel persönlich, vielleicht hätte es ihr geholfen, den Sinn in einem solchen Lied zu erkennen.

Tharsirion wies mit der Schnauze auf das Tal. "Darum umgehe ich Kathrak Eryn. Selbst die Orte, die nicht durch Gift gefährdet sind, stellen Labyrinthe aus Stein dar; selbst dort, wo man nicht in verborgene Erdlöcher einbricht, ist das Laufen nicht unbedingt angenehm. Es ist sicher ein interessantes Gebiet, aber das heißt nicht, daß ich mich hier unbedingt aufhalten möchte." Er drehte sich um und schlug den alten Pfad wieder ein, südwärts parallel zum Dakaron, der von hier aus nicht mehr zu sehen war.

Desoto und Avias folgten ihm. Die Wahl des Weges war vernünftig. "Kannst du mir das Lied beibringen?" fragte die jüngere Wölfin.

"Sicher", erwiderte Tharsirion. "Wiesel haben eine... hmm, farbige Ausdrucksweise. Eine gute Wahl als erste Sprache."

Und so begann Desoto, auf dem Weg nach Sidh Eryn ihre erste Sprache zu lernen, die nicht von Wölfen gesprochen wurde.

* * *

Das Reh hob witternd den Kopf. Es stand am Rande der Lichtung, wachsam, während andere Rehe die jungen Triebe abästen und saftiges Sommergras kauten. Vom Sirion drang der feuchte Geruch nach fließendem Wasser und Schilf.

Ein Rascheln zur Rechten, tief im Unterholz, erregte die Aufmerksamkeit des Rehs. Es bewegte sich parallel zu den Baumreihen und spähte in die Schatten. Dann schritt es nervös ins Licht hinein, unsicher, was sich im Dunkel verbarg. Das restliche Rudel – Ricken und Kitze, keine Böcke – merkte auf und schloß sich enger zusammen.

Die Vorsicht genügte nicht. Aus dem Dickicht schoß ein Wolf, sprang mit langen Sätzen über die Lichtung und hatte den Abstand zu den Rehen fast halbiert, ehe sich das Rudel zur Flucht gewandt hatte. Vergessen war die Mahlzeit; wie ein einziges Tier drehten die Rehe die Nasen in den Wind und stoben über das Gras. Mit wenigen Sprüngen hatten sie den Rand des Waldes erreicht – und wurden von einem weiteren Wolf empfangen, der ihre Gruppe umlaufen hatte und sich jetzt mit dem Wind bewegte. Zwischen zwei Wölfen gefangen, entschied sich das Rudel, dem Rand der Lichtung zu folgen, auf einem Zickzackkurs, um kein leichtes Ziel für einen Spurt des Jagdwolfes zu bieten.

Lautlos querte der erste Wolf das Grasland, während der zweite allein durch seine Anwesenheit und seinen Geruch auf dem Wind die Rehe davon abhielt, im Unterholz Zuflucht zu suchen.

Es dauerte nur Sekunden, bis die Rehe den gegenüberliegenden Rand der Lichtung erreicht hatten. Eines der Tiere blieb hinter den anderen zurück; eine alte Verletzung an der Flanke schien es im Sprung zu behindern. Es war noch zu dicht bei seinem Rudel, um von den Wölfen abgesondert zu werden, und die Richtungswechsel der übrigen, schnelleren Tiere hatten es immer wieder in der Gruppe aufgehen lassen, doch als das Rudel unter den Bäumen verschwand, war es zwei Schritte in der Nachhut.

Der dritte Wolf, der im Windschatten gelauert hatte, brauchte nur einen Moment, um aus seinem Hinterhalt zu preschen und sich das verletzte Reh zu greifen. Er packte das Tier an der Kehle und riß es mit seinem Gewicht nieder.

Die beiden anderen Wölfe folgten. Desoto – die Jagdwölfin – faßte eines der zuckenden Hinterbeine der Beute, nur für den Fall, daß das Reh sich im letzten Moment losreißen konnte. Tharsirion, der Greifwolf, machte jedoch kurzen Prozeß und brach den Hals des Rehs mit einem kräftigen Ruck.

Avias, die Lauerwölfin, kam heran und begutachtete die Beute. Die Ricke war gut genährt und bot reichlich Futter für drei Wölfe. Bis auf die hinderliche Verletzung schien sie auch gesund zu sein – schmackhaft und sättigend.

Die WeuUkoo setzten sich nieder und entboten der geschlagenen Beute ihren Respekt. Dann begann Avias, den Bauch des Rehs aufzutrennen, um an die köstlichen Innereien zu gelangen.

Desoto betrachtete den Kopf: die herabgesunkenen Ohren, die gebrochenen Augen. Ein Gedanke kam ihr in den Sinn, den sie zuvor noch nie gehabt hatte. "Tharsirion?"

Der Rüde sah von seiner Beute auf.

"Haben Rehe eine Sprache? Hasen? Hirsche?"

"Ich habe noch nie ein Reh sprechen hören." Tharsirion schluckte ein Stück Leber herunter. "Andererseits, ein Reh hätte wenig Grund, mit uns zu reden."

"Was, wenn..." Desoto legte die Ohren an. "Was, wenn wir für die Rehe sind, was die maratornai für uns sind?" Eine unbestimmbare, doch tödliche Bedrohung, ein Schrecken in der Nacht, ein lauernder Schatten über ihrem Leben.

"Vielleicht sind wir das", mischte sich Avias ein. "Aber wir sind, was wir sind. Wir können unsere Natur nicht ändern, und die Rehe können das ebenfalls nicht. Seit unzähligen Generationen – seit einer Zeit, als WeuUkoo noch nicht WeuUkoo waren, die Ahnen Sidh Eryn noch nicht verlassen hatten, die Sprache uns nicht gegeben war – reißen wir unsere Beute. So leben wir, und so werden unsere Welpen leben. Ein WeuUkoo wird niemals – kann niemals – ausschließlich Gras fressen, oder Rinde, oder Blätter."

Desoto seufzte. Niemals? Das klang wie eine sehr, sehr lange Zeit. Und warum sollte man seine Natur nicht ändern können? War dies nicht genau das, was die maratornai taten? Sie veränderten die Natur, und sie veränderten sich selbst. Sie hatten sich eine Wahl gegeben.

Eisen und Feuer und ein Schuß...

Und was hatten sie mit dieser Wahl getan?

Die Wölfin schüttelte sich. Diese Art von Gedanken führte nirgendwohin. Ihr Körper sagte ihr, daß sie hungrig war, und daß die Beute gut schmecken würde. Sie steckte den Kopf in die Rippen und biß ein Stück Lunge heraus. Weich und zart und warm.

Eine Krähe flog aus den Bäumen herbei, glänzend schwarz und mit durchdringenden Augen, und landete einen Meter vom Kopf des Rehs entfernt. Sie machte ein paar Sprünge, zog die Schwingen ein. "Darf ich?"

Gedankenverloren nickte Desoto. Der Riß war genug für sie alle, und eine Krähe konnte kaum viel fressen. "Bedien dich."

Die Krähe hüpfte auf den Kopf, grub ihre Krallen in das Fell und begann, an einem Auge herumzupicken. Desoto kaute auf Lunge, Muskel und Magen herum und sah dem Vogel zu, dessen Appetit nicht durch lästige Zweifel gemindert wurde.

Nachdem die Krähe sich das eine Auge einverleibt hatte, pickte sie das andere heraus und wandte sich zum Abflug. "Danke." Mit einem Satz war sie in der Luft und verschwand in einem Wirbel aus Federn und Krähengeruch.

Erst dann wurde Desoto bewußt, daß die Krähe gesprochen hatte – in der Sprache der WeuUkoo. Aber der Vogel war bereits hinter dem Laub der Bäume verschwunden und ließ die Wölfin verwundert zurück.

* * *

Mit vollem Magen – genug Nahrung für zwei bis drei Tage der Wanderung – lief es sich nicht gut, also ruhten sich die Wölfe aus, bis die Nacht hereingebrochen war. Um sie herum lag flaches Land; hier floß der Sirion, den sie am Tag zuvor überquert hatten, ruhig und ohne Turbulenzen. Die Gegend war teils waldig, teils mit großen Wiesen und steppenartigen Flächen bedeckt. In gewisser Weise erinnerte es Desoto an ihr altes Zuhause, vor der Flucht; allein die Allgegenwart der maratornai gab es hier nicht.

Sie setzte sich unter einen ausladenden Baum und musterte die Nacht mit allen Sinnen, ohne Absicht, ohne Plan; nur um zu erfassen, was das Land preisgab. Nach kurzer Zeit witterte sie, daß Tharsirion sich ihr näherte.

Der Rüde setzte sich neben sie und begann, Reste verkrustenden Blutes von Desotos Gesicht zu lecken, wo ihre eigene Zunge es nicht erreichte. Desoto lehnte sich gegen ihn, bis er seine Säuberung unterbrach. "Woran denkst du?"

"Seit ich in Eru bin, hat sich alles verändert." Die Wölfin stieß Tharsirions Schnauze von unten mit der Nase an. "Alles."

"Das liegt in der Natur der Dinge. Wir wandern auf einem langen Weg, und während sich die Welt um uns herum ändert, ändern wir uns mit ihr."

"Avias sagt, daß wir uns nicht ändern. Ich glaube, ich möchte nicht, daß wir uns ändern."

"Gewohnheit ist etwas Schönes... bequem und heimelig. Aber jeder Schamane weiß, daß Gewohnheit uns auch lähmt. Das Vertraute besänftigt die Seele, aber die Veränderung fordert uns heraus." Tharsirion brummte ein paar melodische Töne tief in seiner Kehle. "Se vayan. Ich bin ein Schamane geworden, um aus der Gewohnheit des Menschen-Reviers auszubrechen. Ich wandere, um das Neue zu finden, und begrüße die Veränderung. Aber es kann schwer sein, das Vertraute aufzugeben."

"Was ist, wenn die Veränderung schlecht ist?"

"Veränderung ist Veränderung, weder gut noch schlecht. Sie zu meistern bedeutet, an ihr zu wachsen."

"Sie zu..." Desoto hob den Kopf und sah Tharsirion direkt in die Augen. "Callon ist tot! Wenn das nicht eine schlechte Veränderung ist, weiß ich nicht, was es sonst sein soll!"

Der Rüde machte vor Desotos Ausbruch unwillkürlich einen Schritt zurück. Dann seufzte er. "Du gibst der Veränderung eine Bedeutung und einen Wert. Ich sage nicht, daß darin nicht großer Schmerz für dich liegen kann... aber auch das ist etwas, das du meistern mußt. Oder du wirst daran zerbrechen." Er umkreiste Desoto und setzte sich an ihre andere Seite. Mit dem Kinn strich er zärtlich über ihren Nacken. "Am Ende ist auch Verlust nur Veränderung: wir können ihn nicht vermeiden oder bezwingen, nur erleiden und überwinden. Und wir tun das in dem Wissen, daß uns Verlust wieder und wieder begegnen wird."

Desoto schloß die Augen unter Tharsirions Berührung. "Warum? Warum muß es so sein?"

"Damit sich die Welt bewegt. Das Alte macht dem Neuen Platz. Der Kreis des Lebens schließt sich, wenn unsere Welpen unsere Rolle übernehmen, und in dem Neuen, das sie lernen, tragen sie die Zukunft unseres Volkes mit sich." Er begann, Desotos Flanken zu lecken, obwohl sich dort kaum Blut befand; ein Spritzer vielleicht, oder zwei, und Tharsirion war überaus gründlich. "In dem, was sie lernen, aber ebenso in dem, was sie nicht lernen, was sie vergessen und hinter sich lassen können. Es scheint Avias so, daß sich die Dinge niemals ändern; daß unsere Natur und das Angesicht der Welt immer währen. Aber das Leben eines WeuUkoo ist nur ein Wimpernschlag in der Zeit der Berge. Es hat eine Zeit gegeben, als es keine WeuUkoo gab – vor Sidh Eryn, vor dem Ursprung. Und es wird eine Zeit geben, irgendwann, da es keine WeuUkoo mehr geben wird. Dazwischen leben wir und versuchen, die Veränderungen, die uns widerfahren, zu bewältigen; Leben um Leben..."

Desoto rollte sich auf den Rücken. Der Gedanke daran, daß es keine WeuUkoo mehr geben könnte, war erschreckend. Aber Eru war einst ein Berg gewesen... Alles veränderte sich. Vor wenigen Tagen noch hatte sie nicht gewußt, daß Wiesel eine Sprache hatten. Vor Stunden noch hätte sie nicht vorausgesehen, daß eine Krähe zu ihr sprechen würde.

Tharsirions Gegenwart, seine Wärme, seine Stimme gaben ihr Halt. Seine Berührung, seine Zunge in ihrem Bauchfell, sein Atem auf ihrer Haut... Spielerisch stupste sie den Rüden mit den Vorderpfoten an.

Er sah auf. "In der Begegnung mit dem Tod geben wir unserem Leben seine Bedeutung." Merkte er nicht, daß seine Präsenz alle Bedeutung war, die sie jetzt brauchte? Desoto streckte den Hals und leckte Tharsirions Schnauzenwinkel wie ein bettelnder Welpe. Der Rüde sah sie einen Moment verwundert an, dann änderte sich seine Miene ins Neckische. Er streckte sich, wedelte spielerisch, und ließ seine Zunge dann über Stellen wandern, die er zuvor zu berühren vermieden hatte.

Desoto krümmte genießerisch den Rücken. Es war Sommer – sie war nicht läufig, aber das war kein unüberwindbares Hindernis. In all dem Gerede über Veränderung und Tod brauchte sie eine Erinnerung an das Leben.

* * *

Der Süden Erus war weitläufiger als Urath Eryn oder Kathrak Eryn – wahrscheinlich größer als diese beiden Wälder zusammen, obgleich Desoto das nicht mit Sicherheit abschätzen konnte, ehe sie die Gegenden nicht erkundet hatte. Von der Schlucht des Sirion aus konnte man die Steilhänge nicht sehen, die das Tal einschlossen, und von den Klippen aus – selbst an Stellen, wo das Land sich in Hügeln den Bergen entgegenschmiegte – war der Canyon nur eine ferne Ahnung.

Die Wölfe querten das Land nicht in gerader Linie, sondern durchwanderten ihr Territorium im Zickzack, mal der Beute folgend, mal eine interessante Landschaftsform begutachtend. Laut Tharsirion konnte ein Wolf auf der Wanderschaft Eru in drei Tagen von West nach Ost durchkreuzen, ohne sich anzustrengen – soweit man im Osten vordringen konnte, ohne die mächtigen Abhänge und Bergflanken bezwingen zu müssen, die den Canyon, das dahinterliegende Flachland und die südlichen Berge verschmolzen. Doch die WeuUkoo benötigten zwei Wochen, bis sie sich der Stelle näherten, wo der verborgene Zugang zu Sidh Eryn liegen sollte.

"Ich kenne den genauen Weg nicht, habe nur davon gehört", gestand Tharsirion. "Sidh Eryn ist kein Teil des Tals von Eru, sondern liegt jenseits davon."

Desoto blickte zweifelnd die Klippen entlang. Hundert Meter oder mehr ragten die Steilwände vor ihnen auf, an dieser Stelle fast senkrecht und abweisend. "Jenseits davon?"

"Weit oben; eine Hochebene, umgeben von den Bergen."

Avias starrte auf die Spalten und Abbrüche über ihnen. "Ich bin keine Felskletterkatze..."

"Es heißt, daß nicht jeder Sidh Eryn erreichen kann." Tharsirion trabte parallel zu den Klippen weiter. "Ein Mythos, vielleicht – oder ein Hinweis darauf, daß der Zugang gut verborgen ist."

"In der Tat." Desoto lief den Klippen ein Stück entgegen und schnupperte dann über den Boden. Viele Spuren kleiner Tiere kreuzten sich hier, aber nichts, was an Wolf gemahnte. Sidh Eryn war schon lange verlassen, und man konnte die Fährten der einstigen Bewohner nicht mehr wahrnehmen.

Die WeuUkoo folgten den Steilhängen über mehrere Kilometer, immer ein Auge auf die Höhe gerichtet, wo feine Linien – Pfade? Spalten? – sich kreuz und quer über den Stein zogen. Doch weder der Fuß der Klippen noch ihre obere Kante verrieten, wie man diese Wege erreichen konnte, wenn überhaupt. Hier und da stand ein Findling vor den Hängen, oder ein Berg aus Schutt und Geröll verriet, daß Teile der Wand abgebröckelt und niedergesackt waren. Mitunter war es möglich, auf dem unregelmäßigen Stein der Felswand ein Stück aufwärts zu steigen, bis sich der Weg als Sackgasse erwies und Desoto oder Tharsirion, die diese Möglichkeit erkundeten, zur Umkehr zwangen. Doch ein Aufgang, der bis zur Hochebene reichte, war nicht in Sicht.

Nach einigen Stunden hatte sich das Bild der Steilwände nur geringfügig gewandelt; in diesem Gebiet durchbrachen riesige Verwerfungen das einheitliche Bild der Klippen. Vom Fuß bis zum Scheitel reichend, waren Teile der Klippe nach Süden oder Norden verschoben oder um Meter abgesunken; die vertikalen Kanten der Verwerfungen waren teils von der Zeit geglättet, teils noch rauher Stein.

Desoto versuchte, im Spinnengewirr der Sprünge und Kragen noch so etwas wie einen Pfad zu sehen, aber außer einigen Nestern, in denen große gelbe Vögel hockten, war nichts zu erkennen, nur ein Spiel der Schatten und des hellen Mittagslichtes.

Bis auf...

Hoch oben, nur ein oder zwei Dutzend Meter von der oberen Kante entfernt, ragte ein Vorsprung aus der Wand, einer von vielen, die sie an diesem Tag schon begutachtet hatte, doch dieser war anders. Etwas bewegte sich auf ihm.

Ein Wolf?

Ihre Augen waren zu müde, um die Gestalt länger als ein paar Sekunden zu erfassen; danach wurde der Vorsprung zu einer weiteren Felsformation, die sich nicht groß vom Rest der unregelmäßigen Klippen unterschied.

Aber Desotos Interesse war geweckt. "Avias, Tharsirion... was ist das dort oben? Seht ihr etwas auf diesem Vorsprung?"

Der Rüde spähte hoch. "Nein. Nur ein Sims... und sicher nicht Teil eines Pfades. Links und rechts davon ist der Fels glatt. Ich wüßte nicht, wie man dorthin gelangen sollte."

"Ich dachte, ich hätte jemanden... etwas da gesehen." Sie lief auf die Wand zu und untersuchte die größeren Felsen. Auch hier gab es keine Spuren, keine Wege.

Doch hinter einem gewaltigen Findling, der halb in den Boden eingebettet war, wurde sie fündig: eine Rampe, die steil meterweit in die Höhe führte, zuerst verborgen von dem riesigen Stein, dann nach einer Kehre im Inneren einer Verwerfung verschwunden.

Desoto sprang einige Meter den Pfad entlang und stellte fest, daß er noch weiter führte: in eine neue Kehre, ebenfalls im Schatten verborgen, dann auf einen Sims in vielleicht zwanzig Metern Höhe, und danach... Sie konnte es nicht sehen. "Avias? Ich bin gleich wieder zurück!"

Der Pfad fühlte sich ausgetreten an, geglättet von Wolfspfoten. Jenseits des Sims verschmolz er mit einer zweiten Verwerfung, folgte den steinernen Abbrüchen, dann geriet Desoto auf eine treppenartige Steigung, auf der sie auf ihre Pfoten achtgeben mußte. Für einen trittsicheren Wolf war es nicht gefährlich, aber mittlerweile hatte sie die Hälfte der Klippe bezwungen, und ein fünfzig Meter tiefer Abhang gähnte direkt neben ihr. Bei Regen oder Schnee war dies kein einfacher Weg. Mit nur zwei Metern Breite an den weitesten Stellen, weniger als einem Meter an den engsten, konnten Wölfe nur hintereinander gehen, ohne Gefahr zu laufen, sich gegenseitig abzudrängen.

Sie blickte über die Kante des Weges. Tharsirion und Avias sahen nach oben: offenbar war es nicht leicht, vom Fuß der Klippe überhaupt einen Pfad zu sehen. "Hier!" rief Desoto. "Es ist der Weg! Der Weg nach Sidh Eryn!" Es konnte nichts anderes sein.

Die Wölfin erwartete, daß der Pfad sie auf den Vorsprung führte, den sie zuerst bemerkt hatte. Aber dem war nicht so; eine weitere Kehre entfernte sie immer weiter von dieser Stelle. Hier war der Weg von beiden Seiten durch Stein begrenzt; ein steiler Hohlweg geleitete sie zwanzig, dreißig Meter in die Höhe, zur abfallenden Klippenseite durch eine natürliche Mauer versperrt, die selbst den Ausblick auf die Tiefe unmöglich machte.

Weit unter ihr folgten Tharsirion und Avias ihr auf den Pfad.

Das letzte Stück des Weges wurde durch eine natürliche Pforte markiert, einen Felsbogen, der von der kliffseitigen Mauer zur Steinwand verlief. An der Stelle, wo er mit der Wand verschmolz, hatte er einen Trog gebildet – Wasser sammelte sich darin, und Moos kroch über seinen Rand.

Dann stand Desoto am oberen Ende der Klippe. Zur Linken lag Eru, zur Rechten...

Sidh Eryn.

Stein und Geröll bedeckte die ersten zehn, fünfzehn Meter des Bodens, danach Büsche, weiter hinten begann der eigentliche Wald, ein lichter Mischwald, der sich so weit erstreckte, wie Desoto sehen konnte.

Enttäuscht atmete sie aus. Irgendwie hatte sie gehofft, nach dem mühsamen Aufstieg – hundert Höhenmeter – eine Welt der Wunder und Erkenntnisse vorzufinden, einen mystischen und geheimnisvollen Ort, der sie sofort in ihren Bann zog. Stattdessen war es ein Wald wie viele andere, nicht so verschieden von den Wäldern im Inneren Erus, die sie in den vergangenen Wochen durchwandert hatten. Vielleicht gab es hier mehr Nadelbäume; vielleicht pfiff der Wind etwas kühler über die Klippe. Aber wenn Sidh Eryn vom Geist der WeuUkoo beseelt und durchdrungen war, dann konnte sie ihn in diesem Augenblick nicht spüren.

"Fennas", sagte Tharsirion hinter ihr. Er und Avias hatten zu Desoto aufgeschlossen. "Der Paß, das Tor nach Sidh Eryn. Wir sind angekommen." Er schloß die Augen und streckte die Nase in den Wind.

Desoto fragte sich, ob der Schamane etwas sehen konnte, das ihr verborgen blieb, aber sie stellte die Frage nicht laut.

"Dieser Aufgang ist leicht zu verteidigen", stellte Avias fest, ganz praktisch. "Auf den Hügeln dort könnten sich Wachtposten aufstellen."

Desoto musterte die beiden Hügel, die das Tor von Fennas säumten. Mit einigen Sprüngen bestieg sie den linken der beiden und blickte nach Eru hinaus.

Dieser Anblick zumindest war beeindruckend. Sie konnte das nahe Hügelland überschauen, durch das sie seit Stunden gewandert waren; die Wälder dahinter; einen kleinen See und den Fluß, der ihn speiste, und viele Kilometer des Tals von Eru.

Der Sirion war jedoch nicht sichtbar, und wenn die graue Linie, die beinahe am Horizont entlanglief, der gewaltige Canyon sein sollte, dann lagen mindestens fünfunddreißig oder vierzig Kilometer zwischen Sidh Eryn und Urath Eryn auf der anderen Seite.

Orthu Kerun hingegen war sehr wohl sichtbar, ein Kegel am Horizont, umgeben von der Silhouette anderer, weiter entfernter Berge, die in blaugrauem Dunst verschwammen. Für einen Moment kam der Schwefelberg Desoto vor wie das Gegenstück zu Sidh Eryn – das eine der Wald des Friedens, der Ort des Ursprungs; das andere eine tödliche Gegend voller Fallen und Gefahren. Orthu Kerun starrte über Eru hinweg, seine geschmolzenen Hänge voller kleiner Pocken, die aussahen wie bösartige schwarze Augen. Desoto erschauerte.

Aber wie Tharsirion gesagt hätte: Sidh Eryn und Orthu Kerun waren nur Orte, nicht gut oder böse, nur... der eine heimeliger und der andere wenig angenehm.

Als sie von dem Hügel wieder herabstieg, bemerkte sie eine Öffnung in der Seite. Der Fels war aufgebrochen – weit genug, um einen Wolf passieren zu lassen. Ein feiner Luftzug aus dem Inneren deutete an, daß der Riß einen zweiten Ausgang hatte.

Neugierig betrat sie das Innere des Hügels. Nach einem Schritt schon weitete sich der Riß zu einer Kammer, die fast das ganze Innere ausfüllte, ein schöner Bau mit glatten Felswänden. Zur Linken fiel der Boden ab und wurde zu einem kleinen Graben, dann zu einem Tunnel, der unterhalb der Kliffkante in die Tiefe führte.

Avias steckte den Kopf in den Bau. "Desoto?"

"Ich bin hier." Ihre Augen hatten sich bereits an das Dunkel im Inneren angepaßt, und sie fühlte sich zu dem Tunnel hingezogen. "Ich sehe mich nur um, komme gleich wieder." Damit verschwand sie in der Tiefe.

Desoto hatte keine Schwierigkeiten damit, dem Gang zu folgen. Er war breit genug für einen Wolf, stellenweise auch so breit, daß sie sich hätte umdrehen können, falls er sich als unpassierbar herausstellen sollte. Aber die Wölfin hatte ein gutes Gefühl; dieser Tunnel war von Tausenden von Wölfen über die Jahrhunderte benutzt worden. Er war weder zu steil noch zu glatt, und der stetige Luftzug versprach, daß sie nicht in eine Sackgasse lief.

Weiter unten war es dunkel, doch nicht völlig lichtlos; die Krümmung des Tunnels verhinderte, daß Desoto den Ausgang direkt sehen konnte, doch das Tageslicht sickerte sowohl vom Bau über ihr als auch von der Passage unter ihr herein. War der Tunnel von WeuUkoo gegraben worden, oder hatte die Natur ihn in dieser Form geschaffen? Desoto war sich nicht sicher. Fünfzehn oder zwanzig Höhenmeter und hundert oder mehr Meter in der Horizontalen hatte sie schon zurückgelegt.

Dann folgte eine scharfe Biegung nach rechts, und der Tunnel öffnete sich nach draußen. Abermals lag Eru vor ihr – sie stand auf einem Felsvorsprung auf etwas mehr als halber Höhe des Kliffs. Büsche säumten den rechten und linken Rand des Simses, der mehr als breit genug war, um bequem zu stehen.

Aufgeregt stellte Desoto fest, daß dies der Vorsprung sein mußte, den sie vor kurzer Zeit entdeckt hatte. Hier war der fremde Wolf gewesen, dessen Anblick ihr den Weg nach Fennas gewiesen hatte!

Doch jetzt war hier kein Wolf, nur der leere Vorsprung, etwas hartnäckiges Gras, und die kleinen Büsche. Desoto fragte sich, wohin der Fremde in der Zwischenzeit gegangen war. Vielleicht war er bereits nach oben gelaufen und begrüßte in diesem Moment Avias und Tharsirion.

Sie ging zur linken Seite des Simses hinüber: die Aussicht war nicht ganz so weit wie vom Klippenrand aus, aber man konnte den Fuß des Kliffs näher in Augenschein nehmen, ohne von unten her entdeckt zu werden.

Dann trabte sie an den Büschen vorbei zur anderen Seite. Dort hatte man einen guten Blick auf den Hohlweg, der zu Fennas hinaufführte. Dieser Vorsprung war ein idealer vorgeschobener Posten – und zugleich ein heimeliger verborgener Ort.

Ihr Blick fiel auf den Boden des Vorsprungs, und dort, halb hinter den Büschen, entdeckte sie schließlich den Wächter.

Es war nur ein Skelett, anscheinend vollständig, doch von der Zeit grau und brüchig geworden. Desoto konnte nicht sagen, ob es ein WeuUkoo gewesen war oder ein anderer Wolf. Aus leeren Augenhöhlen starrte sie der Schädel an. Offenbar hatte der Wächter in seinen letzten Stunden Schutz hinter den Büschen gesucht...

Nein. Das Skelett war zu alt; die Büsche waren gewachsen, nachdem der Wächter gestorben war. Sein zerfallender Körper hatte dazu beigetragen, die Büsche auf dem Fels zu nähren. Feine Wurzeln zogen sich über seine Rippen hin.

Ehrfurcht erfaßte Desoto. Dies war – vor Jahren oder Jahrzehnten – der letzte Wolf von Sidh Eryn gewesen. Allein zurückgeblieben, nachdem sein Rudel abgewandert oder vor ihm gestorben war, hatte der Wächter den Vorsprung aufgesucht, um nach Neuankömmlingen Ausschau zu halten.

Sie konnte sich vorstellen, wie gleichförmig sein Leben hier verlaufen war. Hatte sie nicht selbst erst vor Wochen immer wieder auf ähnliche Weise Ausschau nach Callon gehalten? Auf dem Vorsprung gab es keine Nahrung, also war der Wächter zur Jagd nach Sidh Eryn gegangen, nur um dann wieder hierher zurückzukehren und seinen Posten aufs Neue zu beziehen. Wachte er vor Fremden und Feinden? Wartete er auf WeuUkoo, die Sidh Eryn wiederentdecken sollten?

Welche Hoffnung, welche Furcht hatten ihn am Leben erhalten?

Wenn es Hoffnung gewesen war, so war sie zuletzt geschwunden. Irgendwann war der Wächter nicht mehr hinaufgeklettert – seine alten Beine hatten ihn nicht mehr getragen, oder er hatte sich mit seinem Ende abgefunden und sich einen letzten Ruheplatz gesucht. In der Einsamkeit des Aussichtspunktes hatte er seinen letzten Atemzug getan, ohne daß die Wölfe, auf die er vielleicht hoffte, zurückgekehrt waren.

Aber Desoto hatte etwas gesehen – etwas, das sich hier oben bewegt hatte. Das Skelett, verborgen, selbst wenn man den Sims betrat, war es nicht. Ein Vogel vielleicht, oder ein Spiel des Lichts. Ohne diesen Hinweis wären sie am Fennas vorbeigelaufen und hätten Sidh Eryn erst viel später, wenn überhaupt, gefunden.

Vielleicht hatte der Wächter seinen Posten nie verlassen – und nach all der Zeit doch noch WeuUkoo nach Sidh Eryn einziehen sehen.

Erschauernd wandte sich Desoto zum Gehen.