Kapitel 3: Tharsirion, der Schamane
Sie hätte es besser wissen müssen. Desoto schalt sich für ihre Unvorsichtigkeit. Ihre Nase war gut, aber sie hatte ihr nicht vertraut, und nun waren die maratornai gekommen, hatten einen Hund vorgeschickt, der aussah wie ein WeuUkoo, und spürten ihr vermutlich bereits nach. So schnell sie konnte, rannte sie nach Süden. Wenn die Jäger ihr auf den Fersen waren, durften sie wenigstens Avias nicht auch noch entdecken. Am Sirion konnte sie sie wahrscheinlich abhängen; wenn dieser Fluß sich eine ähnliche Schlucht geschaffen hatte – und sie erinnerte sich daran, daß Avias etwas Derartiges erwähnt hatte –, dann war die Querung schwierig, aber nicht unmöglich. Die maratornai würden mehr Schwierigkeiten auf dem Stein haben, und falls sie Eisenwagen fuhren, konnten diese den Fluß nicht kreuzen. Noch hatte sie keinen Menschen gewittert, aber sie hatte den Eindruck, daß der Fremde ihr folgte. Seine seltsame Färbung hätte ihr bereits ein Hinweis sein sollen. Wo nur hatte ein Hund die Sprache der WeuUkoo erlernt? Wie hatte er ihre Witterung angenommen? Oder, schlimmer noch: war er wirklich ein WeuUkoo, in die Sklaverei der maratornai geraten und in einen Hund verwandelt worden? Er war die größte Gefahr. Er konnte ihr überallhin folgen und die Jäger führen, er konnte sie mit einem Laut verraten oder sogar angreifen. Der Rüde war größer als sie, und etwas älter – vielleicht war er sogar kampferfahren. Sie erlaubte sich, innezuhalten und die Gegend mit Auge, Ohr und Nase abzusuchen. Das charakteristische Dröhnen der Eisenwagen war nicht zu hören, auch nicht der Lärm, den die Menschen meist machten, wenn sie ungeschickt durch den Wald brachen. Nicht einmal der Fremde war in Sicht- oder Hörweite. Nur Bäume umgaben sie, nur die Witterung der Tiere darin war vernehmlich. Aber das war kein Grund, auf das Unheil zu warten. Desoto lief weiter, nicht mehr von Panik getrieben, doch noch immer so schnell, daß der Rüde Mühe haben würde, mit ihr mitzuhalten. Der Sirion konnte nicht weit sein. In der Ferne erklang das Rauschen des Flusses, und die Bäume wurden bereits spärlicher und niedriger, ihre Wurzeln bildeten dicke Stränge auf dem Boden, durchzogen die oberflächliche Krume, wo der tiefe Fels ihnen das Eindringen verwehrte. Und noch etwas war da – die Witterung, die sie vor Tagen aufgenommen hatte, das fremde Tier. Desoto verlangsamte ihren Schritt und sah sich um. Dort waren zwei von ihnen, massige Gestalten in zotteligem braunen Pelz. Sie waren kleiner, als die Wölfin sie aufgrund ihrer Witterung erwartet hatte; sicherlich massiger als ein WeuUkoo, und höher in der Schulter, aber tapsig und unbeholfen, zu schwer gebaut für eine lange Jagd. Die Körper waren rundlich, die Köpfe blickten etwas verschlafen drein. Das eine Tier saß platt auf seinem Hinterteil, die Beine von sich gestreckt, und wühlte mit den Vorderpranken in einem Busch voller unreifer Beeren herum. Das andere grub mit zwischen zwei Wurzeln in der Erde. Beinahe hätte Desoto gelacht, wäre die Bedrohung durch Jäger nicht immer noch so präsent gewesen. Vielleicht konnten ihr diese zwei als weitere Ablenkung für die maratornai dienen. Wenn sie direkt zwischen ihnen hindurchlief, und die Tiere ihr vielleicht noch den Gefallen taten, ihre Spur mit den eigenen zu überdecken, dann würde es den Fremden verwirren, und jeden Hund, den die Jäger mit sich führten. Ja, genauso hätte Avias es gemacht. Desoto hielt sich geduckt und schlich an dem beerenpflückenden Tier vorbei. Das Wesen glotzte sie verständnislos und etwas furchtsam an. Dann öffnete es die Schnauze und stieß ein klagendes "Uuuuh" aus. Hinter Desoto antwortete ein Brüllen – nicht von dem zweiten Tier, nicht von Eisenwagen, nicht von dem Fremden. Aus dem Augenwinkel sah die Wölfin einen braunfelligen Koloß auf sie zurasen, eine Tonne Zorn und Muskeln. Schon wieder hatte sie einen Fehler begangen! Die kleineren Tiere waren die Welpen ihrer Art, und der Angreifer war ihre Mutter. Desoto hatte sich den Welpen zu weit genähert, und jetzt glaubte die Mutter, sie verteidigen zu müssen. Ohne ein Zögern galoppierte Desoto voran, von den fremden Welpen fort. Gegen diese Riesin konnte sie nichts ausrichten. Selbst die Bedrohung der maratornai war in diesem Moment unbedeutend. Gewaltige Krallen bohrten sich in den Boden, der unter jedem Sprung des Muttertieres erzitterte. Für Minuten dauerte die Hatz an. Wie konnte ein so großes Tier sich so schnell bewegen! Desoto mußte an Geschwindigkeit noch zulegen, um sich außer Reichweite zu halten. Ihre Zunge hing aus der Schnauze, und ihre Brust schmerzte vor Anstrengung. Zweige peitschten ihr ins Gesicht. Warum machte die Mutter nicht kehrt und kümmerte sich um ihre Kinder? Die Gigantin schien von einem einmal ins Auge gefaßten Ziel so schnell nicht wieder ablassen zu wollen. Dennoch, als WeuUkoo war Desoto schneller; wenn sie erst einmal aus dem Blickfeld der Gegnerin verschwunden war, würde sie wieder zur Besinnung kommen und umkehren. Nur ein Stück noch; das große Tier fiel bereits zurück, noch wenige Sprünge... Dann waren keine Bäume mehr um sie herum, nur noch Felsen, ein Labyrinth aus Steinen der verschiedensten Größen, und sie lief um sie herum, setzte über Brocken hinweg, rutschte einen kiesbedeckten Spalt hinab. Und der Horizont sprang auf sie zu, und die Welt endete. Sie hatte den Sirion erreicht. Doch die Schlucht des Sirion war nicht von derselben Größe wie die des Dakaron. Sie war weitaus größer, ein gewaltiger Canyon, dessen gegenüberliegender Rand im Dunst verschwand, Kilometer entfernt. Desoto schnappte nach Luft. Noch nie zuvor hatte sie eine derartige Landschaft gesehen. Die Wände des Tals von Eru waren hundert Meter hoch, vielleicht mehr, aber diese Schlucht schien bodenlos. Die Wölfin machte einen Schritt auf den Rand der Klippe zu, dann noch einen, sehr vorsichtig, bis sie hinabsehen konnte. Vierhundert Meter unter ihr, möglicherweise fünfhundert, floß der Sirion in weißschäumenden Fluten. Die Kante vor Desoto war ein Abbruch, der scharf in eine fast vertikale Wand überging, die erst Dutzende von Metern tiefer stufig zum Sirion hin verlief. Zur Rechten war in der Ferne der Wasserfall zu sehen, in dem sich der Dakaron in den Sirion ergoß. Dessen Schlucht war tiefer und steiler als an den Stellen, die Desoto aufgesucht hatte, und dennoch nur eine Kerbe in der Wand des Canyons. Viel weiter westlich schien sich diese Wunde in der Erde zu verjüngen und zu schließen, doch im Osten – zur Linken – geschah das Gegenteil, der Canyon wurde breiter und tiefer, und der Sirion schien direkt in die nebligen Täler dahinter zu donnern, deren unberührte Wälder nur schattenhaft als Silhouetten sichtbar wurden. Desoto verstand die Geschichte, daß Eru einst ein Berg gewesen sein sollte. Diese Schlucht hier war nichts anderes: ein Berg, oder besser das Gegenteil eines Berges, der statt in den Himmel aufzuragen in die Erde hineingeschnitten war. Keuchend versuchte die Wölfin sich zu orientieren. Der ebene Stein, auf dem sie stand, war eine Felsnase, die aus der Schluchtwand ragte, auf drei Seiten begrenzt von abwärtsführenden steilen Klippen. Die vierte Seite war die, von der sie gekommen war, selbst bereits ein rauhes und fast senkrechtes Kliff, vielfach zersprungen und gebrochen. In dieser Wand gab es nur einen einfachen Zugang: den Spalt im Fels, durch den Desoto gekommen war. Derselbe Spalt, durch den sich gerade die Gigantin zwängte, auf den Hinterbeinen aufgerichtet und zornig brüllend, als wolle sie den Fels mit ihrer Wut beeindrucken. Wäre Desoto nicht von den vielen Kilometern Laufens über unwegsames Gelände erschöpft gewesen, hätte sie es sich zugetraut, die Felswand vor sich zu erklimmen, über deren Vorsprünge und Spalten zu klettern, bis sie wieder das Felsenlabyrinth erreichte. Aber WeuUkoo waren für lange Trabstrecken gebaut, nicht für ausgedehnte Sprints am Rande ihrer Leistungsfähigkeit. Um dort hinaufzusteigen, hätte Desoto eine Ruhepause benötigt, um zu Atem zu kommen; etwas, das das riesige Tier ihr nicht gönnen würde. Ein einziger Schlag dieser Pranken konnte sie über den Rand des Plateaus in den Abgrund befördern. Sie mußte sich auf ihre Gewandtheit verlassen, um an der Gigantin vorbei in den Spalt zu gelangen. Doch deren eigene Beweglichkeit und Schnelligkeit konnte Desoto nur schwer abschätzen. Ein falscher Schritt würde ihr ebenso sicher den Tod bringen wie ein Gewehr der maratornai. Avias würde niemals erfahren, was aus ihr geworden war. Für Bedauern war keine Zeit. Sie spannte die Muskeln ihrer Hinterbeine an, bereit für den Versuch, an der brüllenden Riesin vorbei in die Freiheit zu kommen. Die Stimme, rauh und bellend und in Silben sprechend, die keiner WeuUkoo-Sprache entstammten, traf sie wie ein Hieb. Selbst die Gigantin hielt inne und ließ sich auf alle vier Pfoten fallen. Der Fremde stand oben auf den Felsen, sah auf die Kontrahenden herab, das Fell vom Wind aufgewühlt. Er hatte sie eingeholt, brachte die maratornai, brachte das Eisen. Aber da war kein Geruch nach Mensch irgendwo, nur das wilde und aufgeregte Aroma des massigen Tieres, und, schwach von oben herab, der WeuUkoo-Rüde, der wieder sprach... wenn dies eine Sprache war. Die Gigantin lauschte. Dann stöhnte sie klagend, schüttelte sich, und stampfte mit einer Vordertatze auf den Fels. Der Rüde legte sich hin, ließ die Pfoten über die Kante des Kliffs baumeln, und gab ein helles Stakkato von sich, noch immer an Desotos Gegnerin gerichtet. Diese sah zu ihm hinauf, dann zu der Wölfin herüber. Schließlich grunzte sie müde und trottete in wiegendem Gang auf den Spalt zu. Der WeuUkoo behielt sie im Auge, bis sie sich in den engen Durchgang gezwängt hatte und den Weg zurück in den Wald antrat, zurück zu ihren Welpen. Dann erst wandte er sich wieder an Desoto. "Ich weiß, vielleicht war ich etwas forsch, oder sogar aufdringlich, aber es ist mir noch nie passiert, daß eine Wölfin die Flucht vor mir ergriffen hat." "Maratornai-Sklave! Verräter!" Zornig ging Desoto am Rand der Klippe auf und ab, unsicher, ob sie dem fremden Tier folgen sollte. Die Jäger warteten vielleicht schon. All ihre Pläne waren fehlgeschlagen, und sie selbst saß in der Falle. Der Rüde wirkte ehrlich verblüfft. "Oh? Was habe ich getan?" "Wo sind sie? Wie viele hast du zu mir geführt?" "Ich habe niemanden geführt." Er schüttelte den Kopf, verschwand dann hinter dem Rand des Abhangs, wo Desoto ihn nicht mehr sehen konnte. Ein paar Sekunden später tauchte er im Spalt auf und kam auf sie zu. Als er bemerkte, daß Desoto immer mehr vor ihm zurückwich, hielt er inne und setzte sich. "Ich fürchte, da liegt ein Mißverständnis vor." "Du trägst das Zeichen der Jäger." "Das Medaillon? Es ist ein Symbol der Menschen, in deren Revier ich geboren bin. Es sind keine Jäger." Desoto neigte die Schnauze zu Boden, überwältigt von Verwirrung und Zorn. Der Fremde behauptete, nicht mit den maratornai im Bunde zu sein? Sie war versucht, ihm entgegenzuschleudern, Alle Menschen sind Jäger, doch sie wußte selbst, daß dies nicht stimmte. Sie hatte keinen einzigen maratornai gesehen. Keinen Eisenwagen, keine Witterung, kein Gewehr. Der Anblick des... Medaillons... hatte sie in Panik versetzt, sie kopflos werden lassen. Sie hatte ihre Sinne nicht bestätigen lassen, was ihr Geist ihr vorgaukelte. Der Rüde sagte nichts, beobachtete sie nur aufmerksam und voller Mitleid. Desoto bemühte sich, wieder klar zu denken. Dumm, dumm war sie gewesen. Was hatten die maratornai aus ihr gemacht! "Laß uns noch einmal von vorne beginnen", sagte der Fremde. Seine Stimme war warm und beruhigend. "Mein Name ist Tharsirion. Gras-am-Fluß, in einer der ersten Sprachen. Wie der Strom hinter dir, Sirion. Als die ersten WeuUkoo den Frieden von Sidh Eryn verließen, geführt von Rabe und Krähe, war dieser Fluß der erste, den sie sahen, und sie nannten ihn einfach Fluß. Es kam ihnen erst viel später in den Sinn, daß es noch andere geben könnte. Natürlich sagte Krähe nichts dazu. Sie fand das vermutlich komisch." Die Geschichte ergab für Desoto nicht viel Sinn, aber Tharsirions Ruhe besänftigte sie, und sie kam einige Schritte näher. "Desoto. Mein Name ist Desoto." "Ich fürchte, ich kann dir nicht sagen, was das bedeutet, weupe ndugu, außer in einem Dialekt der Wiesel, und diese Bedeutung ist sicher nicht von der Art, wie sie deine Mutter gewünscht hätte." Der Rüde legte sich hin und streckte die Vorderbeine. "Aber natürlich heißt das nicht, daß es nichts bedeutet." "Du hast mit dem Tier gesprochen, mit dem Giganten. Und Wiesel... mit Wieseln auch..." Wenn sie es sich nicht nur eingebildet hatte. Tharsirion gähnte. "Die Bärin? Ja, mitunter sind Bären etwas langsam, und stur obendrein. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt haben, dann folgen sie diesem Gedanken sieben Tage und acht Nächte, heißt es. Das gefällt vermutlich der Bärin in Hitze, aber alle anderen muß man gelegentlich auf wichtigere Angelegenheiten hinweisen. Es sind keine zornigen Gesellen, aber auch nicht unbedingt freundlich, und wenn sie Welpen führen, können sie rabiat werden." "Bär...", sinnierte Desoto. "Ich habe solche Tiere noch nie gesehen." "Dann bist du jedenfalls nicht weniger fremd hier als ich. Hier in Urath Eryn gibt es mehrere von ihnen, und früher oder später läuft man ihnen über den Weg. Es ist nicht so, als könnten sie sich hinter einem Baum verstecken, bei diesem Umfang. Woher kommst du?" "Aus dem Norden; wir sind viele Tage gereist, um hierher zu kommen." Sie hatte es ausgesprochen, ehe ihr einfiel, daß es vielleicht keine gute Idee war, zu viel über sich preiszugeben. Andererseits – sie war das Versteckspiel leid. Sie hatte sich geirrt. Tharsirion war kein Diener der maratornai, selbst wenn er ihren Schmuck trug; es bestand kein Grund, ihm weiter zu mißtrauen. Wenn WeuUkoo nicht mehr WeuUkoo vertrauen konnte, dann waren sie ohnehin zum Untergang verdammt. "Ich und meine Mutter, Avias. Wir haben unser Rudel verloren, durch einen Angriff der Menschen, und suchen ein neues Revier." "Das ist eine traurige Geschichte." Der Rüde erhob sich und ging auf den Spalt zu. "Laß uns diesen Ort verlassen; die Aussicht ist bemerkenswert, aber ich ziehe den Wald vor." Desoto ließ sich von Tharsirion zurück unter die Bäume führen, jenseits des Steinlabyrinths. Im kühlenden Schatten kam ihre Furcht, ihre Panik ihr plötzlich sinnlos und lächerlich vor. "Meine Mutter hat mich gebeten, dich ihr vorzustellen." Der Rüde neigte den Kopf. "Ich fühle mich geehrt." "Nach Norden; hier entlang." Desoto übernahm die Führung und verfiel in einen raschen Trab. Jetzt, da die Schatten der maratornai aus Eru verschwunden waren, hatte sie es eilig, zu Avias zurückzukehren. * * * Es bestand kein Zweifel, Tharsirion war ein Wolf von ausgesuchter Höflichkeit und Freundlichkeit. Nicht nur, daß er sich auf dem gesamten Weg an Desotos Tempo anpaßte, er bestand auch darauf, Beute als Gastgeschenk für Avias zurückzubringen. Desoto hatte ausgiebig Zeit, ihn zu betrachten, während der Rüde geduldig lauerte. Seine Färbung war ihr zuerst ungewöhnlich erschienen, doch bei näherem Hinsehen hatte er den hellen Rücken und die dunklen Flanken mit Avias gemein – nur daß dieser Kontrast bei ihrer Mutter viel unauffälliger war, hatte Avias doch ein silbriges Fell, und ihre Pfoten waren weiß statt schwarz wie bei Tharsirion. Der Rüde war kräftig gebaut, und sein Nackenfell war ebenso dicht und lang wie sein Schwanz. Seine Ohren waren etwas kleiner, als Desoto gewohnt war, vielleicht ein Erbe aus dem Norden? Tharsirion griff sich ein fettes Wasserferkel, das auf seinem gewohnten Pfad von einem Bach das Pech hatte, an dem wartenden Wolf vorbeizukommen. Effizient, bemerkte Desoto, und schnell. Aber nichts anderes konnte sie von einem einsamen Wanderer erwarten; wer ohne Rudel und ohne Jagdgeschick leben mußte, war sehr bald ein sehr magerer Wolf, und würde schwerlich den Winter überstehen. Der Rüde teilte nur jeweils ein Bein für Desoto und sich selbst ab, das sie an Ort und Stelle verzehrten – wozu das ganze Tier tragen? –, dann waren sie schon wieder unterwegs. Avias schien zu ahnen, daß sie kamen, denn sie erwartete sie außerhalb des provisorischen Baus. Tharsirion stellte sich vor und präsentierte Avias die geschickt herausgetrennte Leber des Wasserferkels, und dann verbrachten die WeuUkoo den Abend und die halbe Nacht damit, von Desotos und Avias' Reise zu berichten, von Callon und den maratornai und ihrem früheren Leben. Der Rüde wirkte sehr nachdenklich, als er von dem Schrecken erfuhr, den die Menschen verbreitet hatten. "Sie sind nicht immer so", rechtfertigte er sie. "Nicht alle", bestätigte Avias, "aber früher oder später kommen die Jäger, ganz gleich, wie sehr man versucht, sie zu meiden und sich vor ihnen zu verbergen. Sie lesen unsere Spuren, erkennen unsere Markierungen, finden unseren Riß, und dann bringen sie Gewehre." "Manche von ihnen bringen Futter." "Was?" fauchte Desoto. "Kein maratornai hat jemals einem WeuUkoo Futter gebracht! Eisen ist alles, was sie bringen!" "Ruhig, ruhig, Tochter..." Avias legte eine Pfote auf Desotos Rücken. "Tharsirion scheint andere Menschen zu kennen als wir. Wir sollten zuerst seine Geschichte hören." Tharsirion nickte. "Ich wurde an einem Ort der Menschen geboren, zusammen mit anderen, in einem Rudel von WeuUkoo aus weit entfernten Ländern." Desoto glaubte ihren Ohren nicht trauen zu können. An einem Ort der maratornai, inmitten von Eisen und toten Dingen? "Wir lebten dort in einem Revier, das umzäunt war – die Menschen wollten nicht, daß wir es verlassen. Wir konnten auch nicht selber jagen; Menschen brachten Futter zu uns, als seien wir Welpen. Sie verbargen sich vor uns und wollten nicht, daß wir sie sehen, aber sie sind nicht sehr geschickt darin. Noch dazu konnten wir sie überall riechen, selbst auf dem Futter. Manche von uns hatten ihr ganzes Leben dort verbracht, andere waren in der Wildnis aufgewachsen und von Menschen gefangen worden. Ruwarn, mein Lehrer, war einer von diesen WeuUkoo. Er war aus dem Norden gekommen und dort zu den Menschen gelangt. Auf diese Weise konnte er mir seine Weisheit bringen. In dem umzäunten Revier vergessen viele Wölfe ihre Wurzeln und ihre Lehren, aber ich war neugierig, und Ruwarn war mehr als willig, sein Wissen mit mir zu teilen." "Im Inneren von Zäunen gibt es keine Freiheit", brummte Desoto. "Wie kann man ohne Freiheit leben?" Tharsirion blinzelte träge. "Manche der WeuUkoo dort lebten gerne mit dem Futter, das man ihnen brachte, und der Sicherheit. Gerade die, die aus der Wildnis kamen, waren mitunter froh, ihre Winter geschützt und satt überdauern zu können. Und umgekehrt waren es die, die nie die Wildnis gesehen hatten, die begierig waren, das Revier zu verlassen und diese Freiheit zu suchen." Desoto nickte. Gefangene in einem Revier der maratornai – sie konnte sich nichts anderes vorstellen, als daß sie so schnell wie möglich versuchen würde, sich zu befreien. Futter hin oder her, die Bequemlichkeit war es nicht wert, alles andere dafür zu verlieren. "Es ist schwierig, unter solchen Umständen dem se vayan zu folgen", fuhr Tharsirion fort. "Man kann nicht wandern, man begegnet nur wenigen Tieren, und Tag für Tag sind es dieselben Bäume, dieselben Sträucher, die man sieht. Mein Herz wollte dem Pfad des Schamanen folgen, aber die Dinge, von denen Ruwarn mir berichtete, waren fern und fremd für mich. Doch die Menschen haben absonderliche Wege. So, wie sie WeuUkoo aus der Wildnis fingen und in das Revier verschleppten, so brachten sie auch einige von uns wieder zurück. Wir verstanden es damals nicht; alles, was wir wußten, war, daß sie vom Rest des Rudels abgesondert wurden, und aus dem Revier verschwanden. Aber eines Tages war die Reihe an mir, und ich wurde fortgebracht. An einem Ort, fern von dem Revier oder jedem Bau der Menschen, ließen sie mich zurück, und ich war in der Freiheit der Wildnis. Die Menschen müssen erkannt haben, daß ich dem se vayan an ihrem Ort nicht folgen konnte." Desoto nickte zustimmend. Niemand konnte die maratornai verstehen, und was Tharsirion berichtete, war noch merkwürdiger als all ihre eigenen Erlebnisse. "Ruwan ist zurückgeblieben; am Ende war er alt und schwach. Er konnte die Wildnis nicht mehr sehen; ich habe versucht, es für ihn zu tun. Viele Monate habe ich nichts anderes getan, als seine Lehren in die Tat umzusetzen; all das kennenzulernen, was ich bis dahin nur aus Erzählungen kannte. Das ist ein langer Weg für einen Schamanen, angefüllt mit Geschichten und Erlebnissen und Irrtümern." Tharsirion kicherte leise. "Ich habe mich von den Menschen ferngehalten, aber manchmal kam ich auf der Reise wieder in ihre Nähe. Und ich fragte mich, ob es einen Weg gibt, ihre Sprache so zu lernen wie die der Wiesel oder der großen Katzen." Avias erhob sich und wanderte nachdenklich um Tharsirion herum. "Wenn wir ihre Sprache kennen würden, könnten wir sie dann verstehen? Ein Baum ist ein Baum, für mich oder ein Wiesel. Ein Fluß ist ein Fluß, für Desoto oder eine Katze. Aber die maratornai erschaffen Dinge, die nur sie verstehen, die nur sie gebrauchen können. Die WeuUkoo verstehen das Eisen nicht. Und wenn sie es verstünden – würden sie dann nicht auch werden wie die maratornai?" Der Blick des Rüden folgte ihr, herum und abermals um sich herum. "Die Menschen ändern die Welt. Sie ändern sich selbst und ihr Leben, und die Landschaft und die Wälder und die Flüsse. Im Geist sind sie uns fremd. Vielleicht ist es daher niemandem je gelungen, ihre Sprache zu entziffern. Seit tausend und tausend Jahren erbauen die Menschen mit Stein und Eisen und wirken in allem, was uns umgibt. Sie leben nicht in der Natur, sondern zwingen die Welt, sich ihnen zu ergeben. Ruwarn sagte es... niemand weiß, ob sie so fühlen wie wir. Wenn der Winter kommt, heben sie die Nasen und wittern den ersten Schnee? Wenn die Blätter fallen, lauschen sie dem Schritt der Rehe auf dem Waldboden? Lecken sie das Blut von ihren Schnauzen und schmecken, wenn sie die erste Beute ihres Lebens gemacht haben? Spüren sie den Mond in ihrem Herzen und heulen das sa sedurun für die Nacht? Kennen sie das Gefühl, wenn ihre Weibchen in Hitze sind, und ihre Körper den letzen Frühlingsfrost vor Verlangen nicht mehr spüren?" Desoto erschauerte. Sie war erst einmal läufig gewesen, und es hatte sich kein fremder Rüde bei ihr eingefunden; so war sie durch den Wald gelaufen und hatte gesucht und gerufen... das Blut in ihren Adern so heiß, daß es sie überwältigen wollte, der Körper so unruhig, daß ihre Flanken zitterten. Es war undenkbar, daß die maratornai so fühlen konnten. Das Eisen beherrschte sie, und Eisen war kalt. Avias schüttelte sich. "Die Sprache der maratornai... ist nicht für uns gedacht. Mit Ottern zu sprechen ist sicherlich schwierig genug." Sie gähnte demonstrativ. "Ich bin müde. Laßt uns morgen weiterreden." Tharsirion und Desoto zollten ihr Respekt. Desoto war nicht wirklich müde, und auch der Schamane schien weit vom Schlafen entfernt. Er nickte ihr zu und wanderte dann in die Richtung eines nahen Hügelkammes. Desoto folgte ihm und setzte sich am Hang nieder, ein Stück unterhalb des Rüden. Sie ließ Tharsirion keinen Moment aus den Augen, doch er störte sich daran nicht und gab – wieder – vor, sie nicht zu bemerken. Wolken zogen über den nächtlichen Himmel, verdeckten hier und da die Sterne und ein Stück des Mondes. Kühl wehte der Wind, der die Steilhänge von Eru herabstrich, über die Landschaft. Tharsirion hob die Schnauze und sang leise ein paar Töne des sa sedurun, bis die Wolken den Mond freigaben, und wurde dann lauter – übertönte das Rascheln anderer Tiere in der Dunkelheit, bis Desoto, überwältigt vom alten Gesang, nicht anders konnte als einzustimmen. Sie stieg den Rest des Hanges empor, die Silben des Liedes auf der Zunge, und setzte sich neben Tharsirion. Sie fühlte seine Wärme durch ihr Fell. Gemeinsam sangen sie drei Strophen, lauschten in die Nacht, und dann abermals drei, bis Tharsirion seine Stimme ausklingen ließ. "Hast du noch immer Angst vor mir?" fragte der Rüde schließlich nach einer Weile des Schweigens. "Ich habe keine Angst vor dir", brummte Desoto unwillig. "Ich habe Angst vor den maratornai." – und vor dem, was die maratornai aus mir gemacht haben; doch das sagte sie nicht laut. "Mitunter ist es gut, Angst zu haben", erwiderte Tharsirion. "Vor steilen Klippen, an denen man sich die Beine brechen kann. Vor den Stürmen des Winters, in denen man erfriert, wenn man keinen Unterschlupf findet. Vor Hochwasser, vor Bären, vor Dürre, vor Verletzungen auf der Jagd. Aber diese Angst ist nur dann von Nutzen, wenn eine Klippe nahebei ist, ein Sturm aufzieht, ein Bär zu wittern ist. Wenn es keinen Grund für die Furcht gibt, wird die Furcht selbst dein Feind." "Es gab einen Grund", protestierte Desoto. Sie schielte auf das Medaillon, das hab in Tharsirions Fell verborgen war. Der Rüde krauste die Schnauze. "Es ist nur ein Schmuckstück. Ein Ding, das nicht einmal mehr nach den Menschen riecht, sondern nur noch nach mir. Und nicht die Menschen haben es mir aufgezwungen, sondern ich habe es an mich genommen." Desoto blickte interessiert auf. "Genommen?" Tharsirion seufzte. "Ich wußte, daß es für die Menschen eine Bedeutung hatte. Alle, die ich in unserem Revier sehen konnte, trugen es. Natürlich versuchten sie, sich nicht sehen zu lassen und so wenig Kontakt zu den WeuUkoo zu haben wie irgend möglich, aber Menschen verstehen nicht, wie scharf unsere Sinne sind, und wie schwer es ist, sich vor uns zu verbergen. Einige wenige versuchten es auch nicht – sie kamen zu der Umzäunung unseres Reviers, heimlich, als wollten sie nicht, daß ihre eigenen Rudelgenossen sie dabei sahen, und beobachteten uns ohne Scheu, stundenlang. Von allen Dingen, die sie am Körper trugen, legten sie nur dieses Medaillon niemals ab. Ruwarn konnte mir nicht erklären, was es ihnen sagte, oder warum sie es trugen, aber es mußte eine große Bedeutung für sie haben. Als ich fortgebracht wurde, steckten sie mich in eine Kiste mit eisernen Stäben und transportierten mich und drei andere auf einem Eisenwagen. Ich fühlte mich matt und schläfrig; es war ein heißer Tag, und die Menschen begannen, ihre Stoffe abzulegen. Je heißer es wird, um so weniger Stoffe benutzen sie, als würden sie das Fell ständig wechseln, nur daß sie kaum eigenes Fell haben. Sie schwitzen überall am ganzen Körper, wie ein Hirsch, deshalb riechen einige von ihnen so stark, und das scheint ihnen nicht zu gefallen." Desoto schüttelte sich. Stoffe statt Fell und scharfe, durchdringende Düfte, die ihren eigenen Geruch überdeckten, ja, sie hatte diese Dinge schon selbst gesehen. Nur ein weiteres Rätsel der maratornai, daß sie sich bemühten, ihre eigene Natur zu verleugnen. "Einer der Menschen legte seine Sachen in die Nähe meiner Kiste – den Stoff, den er am Oberkörper trug, dicke Bedeckungen für die Hände, ein tickendes Eisending, und das Medaillon. Ich wußte nicht, was es war, aber ich wollte es haben. Die Menschen brachten mich in die Ungewißheit, und das Medaillon war etwas, daß mich mit meinem alten Revier und meinem Rudel verband." "Und mit den maratornai", grollte Desoto. Sie war sich nicht sicher, ob sie Tharsirion verstand. Dinge waren... Dinge. Sie hatten keine Bedeutung über den Moment hinaus; sie waren nicht dasselbe wie ein Rudelmitglied, nicht einmal dasselbe wie eine Erinnerung. "Ich hatte nie einen Grund, die Menschen zu fürchten", erinnerte sie der Rüde. "Ich streckte den Kopf zwischen die Stäbe und nahm das Medaillon und das Band in die Schnauze. Dann stellte ich mich schlafend. Als der Mensch wiederkam und bemerkte, daß es fort war, wurde er sehr aufgebracht, aber er hat wohl niemals vermutet, daß ich es hätte. Also nahm ich es auf diese Weise mit mir, als die Menschen weitab vom alten Revier unsere Kisten öffneten und uns dann verließen." "Wie kannst du es... überziehen?" Tharsirion grinste mit schiefgelegtem Kopf. "Wenn ich es an- oder ablegen möchte, ist es hilfreich, einen Ast oder Zweigstumpf zu Hilfe zu nehmen. Nur mit den Pfoten allein ist es schwierig. Irgendwann wird das Band reißen... dann kann ich es nicht länger tragen." Er senkte den Kopf. "Ich habe mich daran gewöhnt, es zu haben. Es war mir nicht klar, welche Furcht es in dir auslösen würde." "Schon gut." Desotos Brummigkeit war verflogen. "Ich hätte erst nach maratornai Ausschau halten müssen, bevor ich Hals über Kopf geflohen bin. Die Bären waren weit gefährlicher..." "Bären sind reizbar, aber man kann mit ihnen leben. Stiehl ihnen keinen Fisch, wenn sie am Wasser sind, und komm ihnen nicht zu nahe, wenn sie Junge führen." "Du hast die Bärin in ihrer eigenen Sprache beruhigt", entsann sich Desoto. "Eine laute und ruppige Sprache", bestätigte Tharsirion. "Ich rede lieber mit den Ottern. Sie lassen sich leicht ablenken, aber gewöhnlich sind es fröhliche Gesellen." "Kannst... kannst du mir das beibringen?" "Mit Bären zu reden? Oder mit Ottern?" "Mit beiden... und mit allen anderen Tieren." "Oh." Tharsirion dachte nach. "Das ist eine schwierige und langwierige Aufgabe. Es gibt Sprachen so zahlreich, wie es Tiere gibt. Manche sind nicht leicht auszusprechen. Und ich beherrsche längst nicht alle." Desoto ließ enttäuscht den Schwanz auf den Boden sinken. "Aber wenn ich euch eine Weile begleite, könnten wir mit einer einfachen Sprache anfangen", fuhr Tharsirion fort. "Wiesel vielleicht?" "Ja!" Desoto klappte die Schnauze sofort wieder zu, überrascht von ihrem eigenen Ausbruch. Tharsirion sah sie amüsiert an – und sie war sich nicht sicher, ob es die Aussicht war, Wiesel zu lernen, die sie begeisterte, oder die Bereitschaft des Rüden, ihren Weg eine Zeitlang zu teilen.
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