Kapitel 2: Der Fremde

Nach drei Tagen andauernden, heftigen Regens war Desoto froh, die Höhle verlassen zu können, ohne sofort durchnäßt zu werden. Das Grasland war vollgesogen mit Wasser, und wenn sie auf den Hirschwegen lief, quoll der Schlamm zwischen ihren Zehen empor. Sie streckte sich; bis auf kleine Ausflüge hatte sie sich in letzter Zeit kaum bewegt, und ihr Körper sehnte sich nach etwas Betätigung.

Es war Zeit für eine Erkundung der weiteren Umgebung. Vielleicht konnte sie unterwegs auch größere Beute machen; ein verirrtes Wildschaf oder ein junges Reh. Kaninchen waren schön und gut, aber ein wenig Abwechslung konnte nicht schaden.

Sie teilte Avias mit, daß sie vermutlich einige Tage wandern würde. Dann machte sie sich auf den Weg nach Südwesten.

Während der Wochen, in denen sie außerhalb von Eru gewacht hatte, war sie nie weiter vom Bau entfernt gewesen als einige Laufstunden; diesmal konnte sie den ganzen Wald durchqueren und einen Blick auf die Grenzen innerhalb Erus werfen, die Schluchten von Sirion und Dakaron – und auch auf das öde Land westlich der Daka­ronschlucht.

Es bestand kein Grund zur Eile. Sie nahm sich die Zeit, alle Spuren und Markierungen gründlich zu untersuchen. Je weiter sie vom Bau entfernt war, um so größer war die Wahrscheinlichkeit, daß sie etwas Neues und Interessantes entdeckte. Oder etwas Gefährliches, das den Frieden störte – noch mehr ein Grund, aufmerksam zu sein und keine Witterung zu übersehen.

Das Land war hügelig, doch die Hänge waren zumeist flach; keine der Erhebungen war groß genug, um über weitere Strecken hinwegzusehen. Lichter Wald bedeckte die Hügel beinahe durchgehend. Hier und da durchbrachen schroffe Felsen den Waldboden und gemahnten Desoto daran, daß das Tal einst ein Berg gewesen sein sollte – zu einer Zeit, die sogar jenseits der Erinnerung der WeuUkoo lag. Die Felsen waren größtenteils ungeeignet zum Klettern, aber je weiter die Wölfin nach Südwesten wanderte, um so bizarrer und vielgestaltiger wurden sie. Weiter zu den Talwänden hin waren diese Strukturen aus grauem Granit geformt, uralt und von Moos bewachsen; hier aber bestanden sie aus einem dunklen Stein, der rauh und brüchig war und den die Elemente in mannigfaltige Formen gezwungen hatten. Kleine Höhlen, Löcher und Durchgänge taten sich in den monolithischen Felsen auf.

Von Zeit zu Zeit schlief Desoto auf einem Baum. Im Gegensatz zu anderen Wölfen konnten WeuUkoo ihre fuchsartig biegsamen Krallen teilweise einziehen; diese Eigenart, die ihnen das Leben im Wald verliehen hatte, half ihnen beim Klettern. Desotos Kletterkünste waren beschränkt; mit einer Wildkatze oder einem Luchs hätte sie es nicht aufnehmen können, aber es war angenehm, in einer trockenen Astgabel zu ruhen, solange der Boden noch nicht trocken war.

Die Sonne gab sich redliche Mühe, das Land auszutrocknen. Der Sommer brachte Blüten und erste Früchte hervor, und wo der Wald einer Wiese oder einem niedriggelegenen Moor Platz machte, zauberten Wildblumen eine Farbenpracht herbei, in der sich Desoto genußvoll wälzte.

Noch weiter im Westen schienen die Felsstrukturen häufiger, aber niedriger zu werden; schließlich erreichte Desoto die Dakaronschlucht, wo das Land abfiel und die Bäume zunächst spärlichem Gras und dann blankem Fels Platz machten, durch den der Fluß sich geschnitten hatte.

Die Schlucht selbst war nicht gewaltig – zehn Meter tief an dieser Stelle; zwanzig oder dreißig breit von einer Kante zur anderen. Der Fluß auf ihrem Grund war durch die Regenfälle angeschwollen und brauste wild über den Stein, aber Desoto schätzte, daß es viele Stellen gab, wo man ihn mit einigem Mut überqueren konnte: Felsüberhänge und Vorsprünge, die es einem entschlossenen WeuUkoo ermöglichten, über den Wasserlauf hinwegzuspringen. Der Dakaron allein war nur wenige Meter breit, und in Zeiten, in denen er weniger Wasser führte, konnte man vielleicht sogar eine Furt zum Hindurchwaten finden.

Desoto folgte dem Fluß nach Süden, zum Sirion hin. Die nördliche Richtung führte zurück zu den Klippen von Eru, wo sich der Fluß vermutlich einen eigenen Kanal gegraben hatte, ähnlich dem Spalt, durch den die Wölfe Eru erreicht hatten. Diese Route war weniger interessant; letztlich würde sie Desoto nur zum Bau zurückführen. Daher hatte sie sich für den Südweg entschieden, der sie ins Zentrum von Eru leiten würde.

Jenseits der Schlucht lag das öde Land. Zumindest hatte Avias das behauptet – die Umgebung der Schlucht wirkte auf beiden Seiten gleich, und wenn es andere Landschaftsformen westlich des Dakaron gab, verbargen die Bäume sie. Viele Kilometer dahinter lagen die Berge, doch der Anblick der fernen Gipfel verriet nichts vom Land dazwischen.

Die Wölfin überlegte, ob sie die Schlucht überqueren und sich auf der anderen Seite umsehen sollte. Aber sie hatte Avias gesagt, daß sie im Wald bleiben würde; falls etwas Unvorhergesehenes geschah, würde ihre Mutter nicht wissen, wo sie nach ihr suchen sollte.

Viele WeuUkoo wanderten allein, doch das waren zumeist junge Rüden auf der Suche nach einem Territorium, das frei von Konkurrenten und maratornai war, oder einer Partnerin, mit der sie ein solches Revier besetzen konnten – manche auch auf der Reise, um Erfahrungen zu sammeln und Dinge zu erleben. Desoto besaß diese Wanderlust nicht, und sie hatte in ihrem alten Territorium nur selten allein mehrtägige Reisen unternommen.

Doch ihr Rudel war mit zwei Wölfinnen sehr klein; ohne einen Rüden gab es keine Hoffnung auf Welpen, und wenn sie sich in einer Ecke des Tals verkrochen, konnten sie weder mit ansässigen WeuUkoo – wenn es diese gab – noch mit durchziehenden Reisenden Kontakt aufnehmen. Nein, es war notwendig, den Wald zu erkunden, Orte zu markieren, und ihre Anwesenheit kundzutun.

In der nächsten Dämmerung begab sich Desoto auf eine Hügelkuppe und heulte das sa amnai, den uralten melodischen Kontaktruf. Der Wind stand günstig, um ihre Stimme bis zu Avias zurückzutragen, und wenn es andere Wölfe in der Nähe gab, würden sie sie auch hören. Doch es kam keine Antwort.

Mit der Morgendämmerung setzte Desoto ihre Reise fort. Ein fernes Grollen kündigte einen größeren und schnelleren Wasserlauf an, und die Dakaronschlucht wurde breiter und tiefer wie in Erwartung der Vereinigung der Flüsse.

Am Rand der Schlucht bemerkte Desoto eine neue Witterung auf den Steinen. Zunächst nur eine Spur, der sie neugierig folgte, dann eine Urinmarkierung im Gras, etwas abseits der Schlucht. Die Witterung war scharf und raubtierhaft, eindeutig von einem einzelnen Tier, doch sie war stark – offenbar ein großes Geschöpf, weit größer als ein Wolf. Desoto konnte den Geruch nicht zuordnen; einem solchen Tier war sie noch nie begegnet. Es mochte gefährlich sein; von hier an würde sie sich vorsehen müssen.

Für einen Moment überlegte sie, was sinnvoller wäre: der Spur weiter nachzugehen und das fremde Tier eventuell aufzuspüren, oder sich von ihm fernzuhalten und der Schlucht zu folgen. Sie konnte Avias später noch hierherführen; die ältere Wölfin wußte wahrscheinlich, welche Art von Raubtier hier sein Revier hatte. Doch dann riß eine Stimme sie aus ihren Gedanken.

In der Ferne sang ein Wolf.

Desoto riß die Augen auf. WeuUkoo? Oder ein Wolf von anderer Art, mit dem ihre Familie nur wenig gemein hatte? Sie vergaß das fremde Tier und die Schlucht. Mit einigen langen Sätzen überquerte sie Stein und Gras und tauchte in den Wald ein.

Der Stimme zu folgen war nicht einfach. Der Fremde sang ein paar Silben, deren Bedeutung Desoto nicht kannte, dann schwieg er wieder. Die Wölfin hielt inne und ließ ihre Ohren spielen, um die Richtung zu orten, bevor sie weiterlief. Das Land war rauh und uneben; die Schlucht des Sirion konnte nicht weit sein. Felsige Rinnen durchzogen den Wald; Säulen aus Basalt erhoben sich fast bis zu den Wipfeln der Bäume, und von uralten Kräften glattgeschmirgelte Steinrücken ragten immer wieder vor Desoto auf.

Sie bewegte sich zuerst so schnell voran, wie es ihr möglich war; als sie sich der Quelle des wiederkehrenden Gesangs näherte, wurde sie vorsichtiger. Endlich lag nur noch eine steinerne, halb verschüttete und bewachsene Erhebung zwischen ihr und dem Fremden. Desoto atmete tief, duckte sich zu Boden und schlich den Hügel hinauf, darauf bedacht, nicht gewittert, gehört oder gesehen zu werden. Die niedrigen Büsche gaben ihr Deckung, und der weiche Untergrund verschluckte das Geräusch von Steinen, die sie mit ihren Pfoten lostrat.

Der Fremde war weit weniger vorsichtig. Er saß in einer sandigen Mulde, sang vor sich hin und ließ die Vorderpfoten über den Boden wandern.

"Kangaja saruu, mi eso siwara,

ke sado rafiki ragante mesoo..."

Er hatte eine eigentümliche Färbung: das Grau seines Körpers, weit dunkler als das helle Silber Desotos, deckte nur seine Flanken und seinen Kopf ab; über den Rücken zog sich ein breiter, heller Streifen in derselben Schattierung wie Brust und Bauch, der in die gleich gefärbte Rute überging. Seine Pfoten waren schwarz bis an die Knie und Ellenbogen. Körperbau, Haltung und Witterung verrieten ihn als WeuUkoo-Rüden, etwas älter als sie selbst. Nur etwas war seltsam an dem Geruch, eine unterschwellige Note, die Desoto zögern ließ, sich ihm zu erkennen zu geben.

Eisen?

Nein, unmöglich. Der Fremde war WeuUkoo; nur die Hunde der maratornai trugen Eisen an ihrem Hals. Und die Witterung war anders, ein Metall, aber nicht das von Eisenwagen oder Gewehren, und doch...

"Geister von Erde und Himmel, Wald und Fluß, zeigt mir den Weg der Zukunft!" Es waren seine ersten Worte, die Desoto verstehen konnte; sein Gesang entstammte alten Sprachen, die die Wölfin nie erlernt hatte.

Der Rüde erhob sich und umkreiste die sandige Stelle, die er mit den Pfoten bearbeitet hatte. Er beäugte sein Werk und hob dann den Kopf zum Himmel, heulte einen Gruß an die Sonne – soviel zumindest erkannte Desoto – und legte sich dann seufzend nieder. "Pfade überschneiden sich. Ein neuer Anfang steht bevor, doch es beginnt im Verborgenen."

Desoto kroch vorsichtig zurück. Der Fremde würde das Gebiet nicht sofort verlassen, es bestand kein Grund, ihn überhastet anzusprechen. Sie mußte mit Avias reden.

Hatte der Rüde mit den Pfoten Zeichen in den Sand gemalt? War das etwas, das... fremde WeuUkoo taten? Desoto hatte nicht viel Erfahrung mit anderen ihrer Art; die Wölfe lebten weit verstreut, und ihre geringe Zahl trug dazu bei, daß sich Rudel oder Einzelgänger nur selten trafen.

In jedem Falle würde Avias Rat wissen. Während die Stimme des Fremden wieder in seinem merkwürdigen Gesang erklang, zog Desoto sich weit genug zurück, um außer Hör- und Riechweite zu sein, ehe sie sich aus ihrer geduckten Haltung erhob und eilig den Rückweg zum Bau antrat.

* * *

Ohne Rast, Jagd oder Spurensuche dauerte der Weg nur einen halben Tag, und Desoto erreichte das Lager in der Abenddämmerung. Avias begrüßte sie mit einer kurzen Berührung und spürte Desotos Hast und Anspannung. "So lange fort, und du hast mir keine Beute mitgebracht?" fragte sie scherzhaft.

"WeuUkoo." Obwohl Desoto nicht so schnell gelaufen war, wie es ihr möglich gewesen wäre, war sie außer Atem. "Ein Rüde, in der Nähe des Sirion." Sie hatte den Fluß selbst nicht gesehen, aber dieser konnte nicht weit von dem Ort entfernt fließen, wo sie die Dakaronschlucht verlassen hatte.

"Was, und du hast ihn nicht eingeladen, ein Kaninchen mit uns zu teilen?"

Desoto war nicht in der Stimmung für Scherze. "Ich habe nicht mit ihm gesprochen, ihn nur beobachtet. Er ist ein Fremder", sagte sie brüsk und setzte sich auf ihre Hinterpfoten.

"Ist er allein?"

"Oh." Desoto schalt sich dafür, in der Aufregung nicht einmal die Umgebung begutachtet zu haben. Es waren ihr keine Markierungen aufgefallen, aber das bedeutete nichts.

Avias schüttelte den Kopf. "Vermutlich ein Wanderer. Wäre er Teil eines Rudels gewesen, hättest du andere in seiner Nähe bemerkt."

Desoto hatte das Gefühl, ihre Mutter wollte sie nur trösten. Andere Wölfe hätten sich ebenso unbemerkt an sie anschleichen können, wie sie sich an den Fremden. Sie war so in Eile gewesen, daß sie nicht einmal einen Verfolger bemerkt hätte... der Gedanke war beunruhigend. Natürlich bekämpften sich WeuUkoo nur selten untereinander, und auch zwischen Fremden im gleichen Revier sollte keine Feindseligkeit herrschen. Aber wenn sie beobachtet worden war, dann hatte sie einen schlechten ersten Eindruck hinterlassen. Die Höflichkeit hätte es geboten, sich dem Fremden zu nähern und sich ihm vorzustellen.

"Es war ein sehr seltsamer Rüde." Es klang wie eine Entschuldigung, was Desoto überhaupt nicht gefiel. "Er hat gesungen, aber ich konnte ihn nicht verstehen. Dann hat er Sachen von Geistern und Pfaden gesagt." Sie war sich nicht sicher, ob die Zeichen im Sand wirklich vorhanden gewesen waren, oder ob sie sich das nur eingebildet hatte, also ließ sie dieses Detail weg.

"Ein Schamane, vielleicht?" Avias sah nachdenklich drein.

"Schamane? Ich dachte, es gäbe schon lange keine mehr."

"Dein Vater... hielt nicht viel von ihnen. Und ich habe seit langer Zeit keinen von ihnen mehr gesehen. Wandernde Wölfe aus dem Norden brachten uns ihre Weisheit, lange vor deiner Zeit. Aber sie kommen nicht mehr." Avias legte die Ohren an. "Du bist sicher, daß er WeuUkoo ist?"

"Ganz sicher. Was sollte er sonst sein? Er sieht wie ein WeuUkoo aus, riecht wie einer... nur was er tut, ist merkwürdig."

"Wenn er ein Schamane ist, ist das nicht verwunderlich." Avias gab einen Laut der Erheiterung von sich. "Callon mochte sie nicht, weil er sie nicht verstand. Sie verwirrten ihn, und das konnte er gar nicht leiden. Ein Schamane hier, nun, es ist das Land des Ursprungs. Ich frage mich, wo er seine Kunst erlernt hat. – Wirst du ihn zu uns bitten?"

Der Gedanke gefiel Desoto nicht. Der Geruch, den sie gewittert zu haben meinte, war vielleicht nur eine Sinnestäuschung gewesen, aber wenn nicht? Welche Art WeuUkoo war der Fremde, wenn er wirklich einen Geruch der maratornai an sich hatte? "Noch nicht. Nicht, ehe ich ihn besser kenne."

Avias sah ihre Tochter bedächtig an. "Es ist gut, vorsichtig zu sein. Aber wenn er WeuUkoo ist, und Schamane – warte nicht zu lange, dich vorzustellen. Es könnte ihn kränken, wenn du zu lange um ihn herumschleichst."

Natürlich hatte sie recht, und der Gedanke war Desoto selbst auch gekommen, aber gerade darum ärgerte es sie, zurechtgewiesen zu werden. "Sicher", entgegnete sie ohne Überzeugung. "Ich werde zu ihm gehen, morgen..." Sie drehte sich zweimal um sich selbst und legte sich hin, den Rücken Avias zugewandt. "Morgen."

Avias wußte so gut wie sie selbst, daß sie es nicht tun würde.

* * *

Desoto kehrte in die Gegend zurück, wo sie den Fremden getroffen hatte, doch nicht mit der Absicht, ihn anzusprechen. Es war nicht schwierig, seine Spur zu finden; er machte keine Anstalten, sich zu verstecken. Das erste, was Desoto auffiel, war, daß er dieses Revier nicht beanspruchte: er markierte nicht, sondern verrichtete sein Geschäft immer an denselben Stellen. Das zweite war, daß er nicht wanderte; er schien kein Ziel zu haben, stattdessen lief er kreuz und quer durch diesen Abschnitt des Tals.

Das war keine Erkundung, wie Desoto sie verstand. Aus der Entfernung beobachtete sie, was der Rüde tat. Abgesehen von einigen Gelegenheiten, wo er sich ein kleines Tier zur Mahlzeit erjagte, ergab sein Verhalten keinen Sinn. Je länger die Wölfin dem Fremden nachspionierte, desto absurder erschienen ihr seine Handlungen.

Manchmal sang er in der fremden Sprache, oder einer anderen... manchmal saß er stundenlang auf einem Felsen und starrte die Bäume an. Mitunter näherte er sich einem Wiesel, und einmal sogar einem Fuchs... doch nicht, um das andere Tier zu verjagen oder zu töten. Er sprach es an, in Lauten, die Desoto gänzlich fremd waren, als könne er die kleinen Räuber wirklich verstehen.

Und was noch absonderlicher war, die Wiesel und der Fuchs hörten ihm zu, und sie schienen zu antworten.

Sicher war es doch unmöglich, daß ein WeuUkoo mit Tieren sprach! Hatten Wiesel oder Füchse überhaupt eine Sprache? Desoto schüttelte sich, aber sie konnte das Gefühl der Fremdartigkeit nicht loswerden.

Es war nicht leicht, sich vor dem Rüden verborgen zu halten. Eine Brise, die in die falsche Richtung wehte, konnte sie verraten. Sie maskierte ihren Geruch, wie sie es für die Jagd gelernt hatte, aber je länger sie sich in seiner Nähe aufhielt, um so wahrscheinlicher wurde es, daß er eine Fährte aufnahm. Sie jagte nur weit entfernt, und die Reste der Beute vergrub sie sorgfältig, falls der Fremde doch einmal sein angestammtes Gebiet verlassen sollte.

Vier Tage hielt sie das Versteckspiel durch. Doch diese Art von Jagd war anstrengend und ermüdend. Sie war es gewohnt, jederzeit rasten und schlafen zu können; jetzt aber wagte sie kaum die Augen zu schließen. In der Nähe des Fremden konnte sie ihre Wachsamkeit nicht aufgeben, und für jeden Schlummer erst kilometerweit zu wandern, um einen Sicherheitsabstand einzuhalten, erschöpfte Desoto.

Der Rüde saß wieder einmal in seiner sandigen Senke. Er hatte drei Steine herbeigeschleppt, die er im Halbkreis vor sich aufstellte, sie umkreiste, nachdenklich betrachtete... sich dann vor sie hinsetzte. Desoto lag auf dem Hügelrücken unter einem Heidelbeerstrauch und versuchte, der Müdigkeit zu widerstehen. Mittlerweile war sie überzeugt, sich den Geruch nach Eisen nur eingebildet zu haben. Es war doch ohnehin kein richtiges Eisen gewesen. Eine Pflanze, vielleicht, von der sie noch nichts wußte. WeuUkoo hielten sich von den maratornai fern.

Der Fremde war nicht gefährlich. Wozu ihn noch länger belauern?

Und doch... seine Seltsamkeit war immer noch ein Grund, ihm kein Vertrauen zu schenken. Avias mochte den Schamanen Weisheit zuschreiben, aber davon hatte Desoto in dem Rüden noch nichts entdeckt, und Callon hatte Schamanen mißtraut. Wenn er denn überhaupt ein Schamane war. Vielleicht war er nur ein wenig schwach im Geist.

Sie hob leicht den Kopf. Was tat der dunkelfellige Rüde da?

Er sprach... sprach mit den Steinen.

Nein. Nein, das war keine Seltsamkeit mehr, das war verrückt. Dieser arme WeuUkoo hatte den Verstand verloren. Wenn er je ein Rudel gehabt hatte, war er vermutlich ausgestoßen worden, um die anderen nicht zu gefährden. Mit einem leisen Seufzer schloß Desoto die Augen. Dieser Fremde war niemand, mit dem sie Bekanntschaft schließen wollte. Sollte er seinen Beschäftigungen hier nachgehen; sie würde ihn meiden, bis er das Tal wieder verließ.

Der Schlaf überkam sie, noch während sie darüber sinnierte, was sie tun sollte, wenn der Rüde nicht von selbst fortging.

* * *

Als sie erwachte, waren Stunden vergangen. Die Sonne hatte sich ein gutes Stück weiterbewegt, und auch der Rüde war nicht mehr an seinem Platz. Die Steine standen noch immer dort im Sand. Desoto gestattete sich ein verlegenes Grinsen. Offenbar hatte der Fremde die Steine nicht davon überzeugen können, sie zu begleiten – oder was auch immer er von ihnen erwartete.

"Hallo."

Die Stimme ließ sie aufschrecken. Der Rest von Müdigkeit wurde vom hämmernden Schlag ihres Herzens vertrieben. Sie machte beinahe einen Satz in die Höhe.

Der Fremde saß vor ihr. Sie konnte nicht sagen, ob er erst in diesem Moment aufgetaucht war, oder ob er ihr schon längere Zeit beim Schlafen zugesehen hatte.

"Erschreck' mich nicht so!" fauchte sie ihn an. Es dauerte einen Moment, die Reaktion ihres Körpers zu überwinden, die ihr Kampf oder Flucht befahl. Sie wußte, daß keine Gefahr bestand; wenn der Fremde sie angreifen wollte, hätte er das längst tun können.

Der Rüde neigte den Kopf zur Seite. "Vergib mir. Das war nicht meine Absicht. Wie könnte ich dich erschrecken, wo du doch weißt, daß ich hier bin? Immerhin folgst du mir schon seit Tagen."

Was... Desotos Nackenfell sträubte sich. Er wußte davon? Er hatte sie von Anfang an bemerkt? All ihre Vorsicht war umsonst gewesen? "Sei nicht so frech. Du bist hier der Fremde!"

"Bin ich das? Oh, vielleicht bin ich es. Ich wußte nicht, daß ich so unwillkommen bin. Ich habe keine Markierungen von Rüden gewittert."

Die Wölfin versuchte ihren Zorn herunterzuschlucken. Es war ihr eigener Fehler gewesen, ihre einene Unerfahrenheit. Sie konnte nicht sagen, was sie verraten hatte – aber nun war es ihr peinlich, entdeckt worden zu sein. Und das, nachdem Avias sie schon gewarnt hatte.

Zudem stank sie nach Rehdung, und im Angesicht des Fremden wenig präsentabel zu sein, war ihr doppelt unangenehm.

"Du bist hier herumgeschlichen." Sie verbarg ihre Gefühle hinter einer schroffen Miene. "Wir mögen es nicht, wenn Wölfe herumspionieren!" Es kam ihr absurd vor, ihm diesen Vorwurf zu machen, schließlich war sie es gewesen, die spioniert hatte. Aber der Fremde blieb höflich und zur Gänze unbeeindruckt.

"Ich habe nicht spioniert. Ich hatte dich bemerkt, und es war nicht zu übersehen, daß du dich mir nicht zeigen wolltest. Ich wollte dir die Zeit geben, dich an mich zu gewöhnen, bis du bereit wärst, dich vorzustellen."

"Und dann kommst du an und erschreckst mich." Desoto setzte sich hin und kräuselte die Nase.

"Entschuldige bitte. Es hat Tage gedauert, und du hältst dich immer noch versteckt. Ich fürchte, ich bin ungeduldig geworden. Nach all der Zeit sollte man denken, ich hätte diese Eigenschaft inzwischen abgelegt." Er grinste freundlich, ohne die Zähne zu zeigen. "Ruwarn hat es mir so oft gesagt, aber diese Weisheit habe ich nicht gemeistert."

Desoto atmete tief ein. Sie war auf den Fremden hereingefallen. Waren seine seltsamen Handlungen womöglich nur ein Schauspiel für sie gewesen? Nun gut, sie war entdeckt. Vielleicht war es an der Zeit, ihn ein wenig zu beschnuppern.

"Wer ist dieser Ruwarn?"

"Mein Lehrer. Er war ein Wolf des Nordens."

"Er hat dir diese... Dinge beigebracht? Diese Schamanen...sachen?" Ihr fehlten die Worte, es auch nur zu beschreiben.

"Se vayan. Die Rituale, und der Blick, der nötig ist, die Dinge hinter den Dingen zu sehen. Ich habe lange Zeit mit Ruwarn verbracht, und er hat mich alles gelehrt. Ich versuche, nach seinen Lehren zu leben, und die Harmonie in allem Lebendigen zu finden."

Er klang angenehm genug, und was wußte sie schon von den Wegen der Schamanen? Vielleicht war er nicht verrückt.

Aber... da war er wieder, dieser Geruch. Fast überdeckt von WeuUkoo-Witterung, metallisch, kalt. Sie bemühte sich, es zu ignorieren – der Fremde saß direkt vor ihr, und da waren keine Zeichen der maratornai an ihm. "Du hast mit Steinen geredet... was..."

Und da war es, enthüllt in einer beiläufigen Bewegung seines Kopfes, etwas in seinem Fell, etwas an ihm, fast vollständig verdeckt von dichtem Haar. Eisen. Licht glitzerte darauf, und jetzt konnte Desoto auch das Band erahnen, das dieses Ding um den Kopf des Fremden hielt. Entsetzen packte sie. Maratornai!

"Was..." Sie deutete mit der Schnauze. "Was ist das?"

Er zeigte es ihr, hob die Schulter und drehte den Kopf, um es besser hervorzuheben. Eine runde Scheibe, hell glänzend wie Eis, mit einem Muster darauf, und einem stumpfen blauen Rand. Es war kein Eisen, das konnte Desoto jetzt sehen, aber etwas Ähnliches: das Metall, das maratornai-Weibchen manchmal trugen. Und der Fremde zeigte es vor, zeigte es ihr, als sei er stolz darauf! "Ein kleines Andenken an die Vergangenheit." Der Rüde nahm ihren Schock nicht wahr, oder er ignorierte ihn.

"Jägerding", murmelte sie. Die Stimme hatte sie verlassen, ebenso wie alle Kraft aus ihren Beinen gewichen war. Ein Ding der maratornai war nach Eru gelangt, und der Fremde – der Fremde war...

Ihr Gegenüber betrachtete sie nachdenklich, als fiele ihm erst jetzt auf, wie unruhig die Wölfin geworden war. "Was ist denn? Es ist nur ein..."

"Jägerding", brüllte Desoto und sprang den Rüden an. Ihre Kiefer schnappten zu, erwischten jedoch nur Fell und keine Haut. Der Fremde jaulte dennoch vor Überraschung auf, verlor das Gleichgewicht und fiel ungeschickt auf die Seite. Mit einem Satz sprang Desoto über ihn hinweg – nur fort, nur fort! – und rannte den Hang hinab, zwischen die dichter stehenden Bäume, ließ den Rüden hinter sich, ohne sich umzusehen.


Wird fortgesetzt...