Kapitel 1: Flucht nach Eru

Sie waren den ganzen Tag und die ganze Nacht gelaufen, mit nur wenigen Pausen; getrieben von Furcht und Schock fraßen ihre Pfoten die Kilometer. Nur selten blieben sie stehen, um sich umzublicken; über die Felder trabten sie geduckt, um die spärlicher werdenden Häuser machten sie weite Bögen. Wo Wald stand, nutzten sie die Deckung: der Wald war ihr Freund, war Heimat. Niemand sah sie laufen, und dennoch rannten sie, wann immer ihre Muskeln erholt genug waren für weitere Meilen, denn der Tod – der Tod war gekommen.

So weit draußen gab es keine befestigten Straßen mehr, und die Abstände zwischen Häusern und Dörfern wurden größer und größer. Nur gelegentlich noch blinkte ein Licht in der Ferne auf und kündete von menschlicher Behausung, aber die Felder und Weiden waren nicht länger eingezäunt; oft standen nur aufgelassene Ruinen auf dem Gelände eines Hofes, und rostige Fahrzeuge dämmerten dem Vergessen entgegen. Der Geruch von maratornai, von Mensch, war schwach, und die bergige Wildnis wartete am Horizont, schwarz und geduldig.

Aber sie konnten nicht anders; noch immer liefen sie um ihr Leben. Zwei Wölfe, graue Schatten, die durch die Dämmerung huschten, über Heidekraut und vorbei an Wacholderbüschen, bis unter den Tannen die Kraft sie verließ und sie langsamer wurden, der Schmerz in ihren Beinen eine Mahnung, endlich innezuhalten.

"Wir schaffen es nicht", keuchte Desoto, die jüngere Wölfin. "Wir sind noch zu nahe! Da, das Licht!"

"Wir müssen", knurrte Avias. Desotos Mutter schenkte dem Licht keine Beachtung, es war fern, keine Gefahr für den Augenblick. Die Menschen, die es entzündet hatten, wußten nichts von den Wölfen, und so zeitig am Sonnenaufgang war ihre Aufmerksamkeit dem eigenen Tagewerk gewidmet. "Nur noch ein kleines Stück, bevor wir rasten. Ich erinnere mich, es gibt eine felsige Anhöhe tiefer im Wald."

Desoto verfiel für einen Moment in langsameren Trab. Der Horizont war heller geworden, und erste Sonnenstrahlen streiften die Berggipfel. Unter den Tannen duftete es nach Moos und Erde. Vögel, kaum erwacht und empört über die Störung, flatterten zwitschernd und schimpfend auf. Desoto sah ihnen nach.

Avias witterte in den Wind. "Wir haben sie abgehängt, denke ich."

"Eisenwagen – sie haben Eisenwagen", murmelte Desoto. Ihre Flanken hoben und senkten sich zitternd. "Ganz gleich, wie schnell wir laufen – sie sind schneller als wir. Ich habe sie gehört und gewittert." Das Dröhnen von Motoren, das Blöken einer Hupe, und Gelächter aus menschlichen Kehlen. Gummigestank und verbrannte Dinge, heißes Metall. All die Dinge, die die maratornai ausmachten, und...

Ein Schuß.

"Sie können hier nicht fahren." Avias senkte die Schnauze, folgte einer Spur ins Unterholz. Wiesel, etwas Hase, kein Mensch, nicht einmal alte Spuren von Schuhen oder Stiefeln. "Es gibt keine harten Wege mehr. Hier müssen auch maratornai selber gehen."

Aber Menschen konnten selber gehen, wenn sie mußten, sie konnten durch den Wald laufen, sie konnten Wölfen folgen, sie jagen, sie hetzen. Sie konnten Gewehre tragen. Die Erinnerung war so stark, daß Avias fast wieder zu laufen begonnen hätte, die Pfoten fortgerissen von Panik. Aber dies war die falsche Zeit: sie mußten sich ausruhen und darauf vertrauen, daß die Gewehre weit, weit hinter ihnen lagen.

"Sie haben auch Eisenvögel", beharrte Desoto. Ihr Blick folgte den Gefiederten, die sich weiter oben im Baum niederließen und weiterhin krakeelten.

"Ich habe keine gesehen." Avias schüttelte Kopf und Nacken und erlaubte sich, den Schwanz nicht mehr so weit zwischen den Beinen zu tragen. "Eisenvögel kommen nicht, um uns zu jagen. Und wenn sie kämen... sie können nicht durch Bäume sehen." Sie winkte ihre Tochter mit einer entschlossenen Kopfbewegung weiter.

Endlich beruhigte sich auch Desoto, während sie langsam in den Wald vordrangen. Vertraute und heimelige Gerüche umhüllten sie; zerfallene Blätter und Tannennadeln, die Markierung eines Fuchses, alte Eichhörnchenknochen unter einem Busch.

Sie folgten einem schmalen steinigen Tal, entlang eines Baches, tranken durstig, wo sich das Wasser in winzigen Teichen sammelte, und lauschten immer wieder den Lauten des beginnenden Tages. Schließlich stiegen sie einen Hügel empor, dessen Seiten übersät waren mit mehr als wolfsgroßen Felsen. Auf dem Gipfel lagen diese Brocken dicht an dicht, und Regen und Wind hatten die Krume vom Stein gewaschen. Größere Bäume fanden hier keinen Halt mehr, nur einige hartnäckige Krüppelkiefern wurzelten in Steinspalten. Es schien Desoto ein unfreundlicher Ort zu sein, doch Avias wies ihr den Weg durch einen Spalt zwischen Felsen, und dort öffnete sich ein Ring aus Stein zu einem geschützten Kessel.

In der Sicherheit des Verstecks verließen Desoto die Kräfte, und sie sank auf ihre Hinterbeine. Die Ereignisse huschten durch ihren Geist wie ein dunkler Traum, und sie war nicht fähig, die Fragmente zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Fetzen von Gerüchen und Geräuschen, verschwommene Bilder und schattenhafte Erinnerungen plagten sie. Der Schock und die Strapazen des langen Laufes überwältigten sie. "Warum... warum haben sie..."

"Frag nicht." Wer unter den WeuUkoo konnte verstehen, was die maratornai taten? In einem Moment glichen sie den Wölfen: sie sorgten für ihre Jungen, sie aßen, sie wanderten in kleinen Rudeln umher. Dann wieder setzten sie sich in Eisenwagen und preschten über harte Wege, ließen hinter sich gelegentlich niedergerannte Tiere zurück, die sie nicht verzehrten: so sehr in Eile, an fremde Orte zu gelangen, daß sie vergaßen, wo ihre Heimat lag. Sie lauschten den blökenden Tönen aus schwarzen Kästen und hüllten ihre haarlosen Körper in Stoffe, die sie benäßten und dann auf Seile hingen, kaum daß sie anfingen, nach ihnen zu riechen. "Es ist besser, sich von ihnen fernzuhalten."

Selbst wenn die Menschen Herden von Kühen und Schafen hüteten; selbst wenn die Versuchung groß war, einfache Beute zu greifen, von der es mehr als genug zu geben schien, war es doch strenge Regel, die maratornai zu meiden, sich ihnen nicht zu nähern, sich ihnen nicht zu zeigen.

Maratornai, Eisenträger. Sie bewegten sich in eisernen Wagen, sie lebten umgeben von Eisen, sie trugen Eisen am Leib. Doch am furchtbarsten waren die, die Gewehre bei sich hatten – Eisen, das Feuer und Gestank spie und den Tod bringen konnte, wenn die Menschen es auf einen Wolf richteten.

Sie hatten sich an die Regeln gehalten. Sie hatten den Menschen keinen Grund gegeben, sie zu verfolgen, Desoto war sich ganz sicher. Hirsche im Wald und Kaninchen im Hügelgras gehörten nicht zu den Herden der Menschen. Und wann immer ein Mensch auf einen WeuUkoo traf, ging er vorüber, ohne den Wolf in seinem Versteck wahrzunehmen. Aber die maratornai hatten die Regeln vergessen – oder nicht verstanden –, und sie waren mit ihrem Eisen gekommen, und die Welt der WeuUkoo war zerbrochen.

Sie waren zu dritt gewesen, nicht einmal zwei Tage zuvor.

"Wir könnten tot sein", murmelte Desoto mit hängenden Ohren. Wir könnten auch tot sein, aber nein, nein, diesen Gedanken wollte sie nicht denken. Callon würde kommen. Er hatte sie verteidigt, er würde folgen, er kannte den Weg so gut wie Avias, vielleicht würde er am Abend bereits da sein.

Die Sonne berührte die Felsen über ihnen, aber weder Avias noch Desoto wagten es zunächst, hinaufzusteigen und sich in der Wärme auszustrecken. Die steinerne Kuppe desHügels ragte über den umgebenden Wald hinaus, und sie würden weithin sichtbar sein.

Doch nichts geschah, die Welt hatte die Wölfe vergessen, der Tag ließ den Himmel blau erstrahlen, und ringsum regten sich geschäftig Tiere. Nach einer Weile schüttelte sich Avias und begann, die Steine hinaufzuklettern. Desoto folgte ihr nur zögernd, doch die Sonne lockte, und es geschah nichts Bedrohliches.

Von der Hügelkuppe aus konnten sie das Land überblicken: vor ihnen fiel das Gelände stark ab; der Wald bildete Reihe auf Reihe tiefer liegender Bäume, durchbrochen von schroffen Felsen, die aus dem Grün aufragten. Und dahinter... keine Felder mehr, keine Zeichen von Menschen, eine Wildnis ohne Grenzen und Zäune; das graublaue Band kleiner Ströme, das helle Grün von Grasland, Hügel schmiegte sich an Hügel, bis die Hänge der Berge sich aus den Wäldern erhoben und grau und weiß im fernen Dunst den Rand der Welt bewachten.

"Seetho Eryna", murmelte Desoto, "Mutter der Wälder..." Die Gerüche, die eine warme Brise in ihre Richtung trieb, ließen ihr Herz langsam zur Ruhe kommen.

Avias neigte den Kopf. "Dort, siehst du den Schatten nahe der Berge? Dort liegt das Tal von Eru, wo sich die kleinen Bergflüsse zum Strom Sirion vereinigen. Es ist ein versteckter Ort, schwer zugänglich und nicht jedem bekannt. Ich habe deinen Vater dort getroffen."

Callon. Die Erinnerung versetzte Desoto einen Stich, aber sie entgegnete nichts.

"Die WeuUkoo erzählen sich, dort läge auch Sidh Eryn, der Ort des Ursprungs, der Wald des Friedens", fuhr Avias fort. "Ich hatte nie die Gelegenheit, danach zu suchen; die Schluchten, die die Flüsse durch Eru ziehen, machen Wanderungen im Tal beschwerlich. Aber ich habe andere davon sprechen hören."

Sidh Eryn... Beim Klang dieses Namens war Desoto versucht, den Kopf in den Nacken zu legen und ihn mit ausgedehntem Heulen zu ehren. Es war eine Legende ihrer Welpenzeit, und sie hätte nie erwartet, einmal auch nur in die Nähe zu gelangen. Doch die Umstände ihrer Flucht verwandelten Ehrfurcht in Bitternis, und sie wandte sich ab. Wie konnte Avias nur die Stärke aufbringen, immer weiter zu ziehen – aus ihren Heimatländern nach Eru, von Eru in den Norden, und nun wieder zurück, immer wieder vertrieben und getrieben von einem unsteten Leben und den Widrigkeiten des Schicksals. Desoto versuchte ihr nachzueifern, aber sie fürchtete, niemals Avias' Kraft und Geduld zu haben.

Wenn sie überlebten, wenn sie ein neues Rudel in Eru gründen konnten, wie sollte sie ihre Familie beschützen? Was würde geschehen, wenn die maratornai auch dorthin kamen?

Eine sichere Zukunft schien so fern wie nie zuvor.

* * *

Das ferne Dröhnen der Eisenwagen störte ihren Schlaf, doch erst ihr plötzliches Verstummen weckte Desoto aus dem Schlummer. Maratornai hatte in der Nähe ihres Lagers angehalten, wahrscheinlich auf der Lichtung am Ende des harten Pfades. Es war eine abgelegene Gegend für Menschen; ihre alten Wege waren halb überwachsen und ungepflegt, und nur selten verirrten sich einige von ihnen in den schattigen, dichtbewachsenen Wald. Die Nähe der Lichtung hatte keinen der WeuUkoo bislang gestört, nicht einmal, wenn maratornai dort rasteten – die meisten machten ohnehin nach kur­zer Zeit kehrt, als sei ihnen bewußt, daß sie nicht in diesen Wald gehörten.

Aber diesmal etwas war anders. Es waren mehr Eisenwagen als sonst, mehr verschiedene Stimmen, eine Geschäftigkeit lag in der Luft wie ein beständiges Summen. Desoto sah zu Avias und Callon hinüber. Der Rüde hatte den Kopf erhoben und lauschte. Auch er konnte fühlen, daß etwas nicht stimmte. Menschen drangen in den Wald ein, mehr Menschen, als jemals zuvor in der Nähe des Unterschlupfes gewesen waren. Sie hatten Hunde mitgebracht, deren heiseres Bellen von harschen Stimmen unterbrochen wurde.

Dann ertönte ein blechernes Scheppern aus der Richtung der alten Kastanie, vielleicht hinten am Bach, oder noch ein Stück weiter weg, und die Luft trug Eisen und Feuer mit sich.

Callon und Avias erhoben sich zögernd. Es war jedem von ihnen klar, daß sie den maratornai aus dem Weg gehen mußten, was immer diese auch gerade taten. Vielleicht bestand keine Gefahr, vielleicht gingen die Fremden nur einer ihrer seltsamen und unverständlichen Beschäftigungen nach, aber das Rudel konnte kein Risiko eingehen. Desoto folgte ihren Eltern aus dem Unterschlupf zwischen die Bäume, ohne einen Laut von sich zu geben.

Callons Ohren spielten und suchten die genaue Quelle des Schepperns. Es kam von mehreren Seiten, als hätten sich die Menschen überall verteilt. Nur in einer Richtung herrschte noch Stille – abgesehen von anderen Tieren, die hastig flohen. Kaninchen huschten vorüber, die in ihrem Entsetzen vergaßen, die Wölfe zu meiden. Desoto blickte ihnen hungrig nach. Es wäre ein Leichtes gewesen, eines zu greifen, doch die näherrückenden Menschen geboten Eile.

Der Wind zog mit den maratornai, die den meisten Krach machten, und verriet ihre Zahl: fünfzehn, vielleicht achtzehn konnte Desoto wittern. Einige einzelne scharfe Gerüche gingen von Individuen aus, andere gingen in einem allgemeinen Gestank nach Mensch unter. Es war nicht wichtig, sie waren noch nicht so nahe, daß jeder einzelne unterschieden und im Auge behalten werden mußte. Interessanter die Hunde: vier an der Zahl, doch sie liefen nicht frei und mußten in der Nähe der Menschen bleiben.

Callon leitete die beiden Wölfinnen mit Gesten zunächst einen Hirschpfad hinab, dann über den Bach in Richtung des Birkenhains. Beinahe unsichtbar in den Schatten schlichen die WeuUkoo durch ihr Territorium.

Dann begann das Scheppern an einer anderen Stelle lauter zu werden. Die verstreuten Menschen hatten sich anscheinend zu drei Gruppen versammelt, und jetzt waren auch ihre Stimmen deutlicher zu hören. Sie gaben ncht das gedämpfte Murmeln von sich wie sonst, stattdessen gröhlen und johlten sie, machten Lärm um die Wette mit ihren Schepperdingen.

Und wieder Eisen auf dem Wind.

Desoto zögerte. Der Geruch schien aus einer Richtung zu kommen, wo keine maratornai zu hören waren, aber es dauerte nur einen Augenblick, dann wehte die Brise wieder von der anderen Richtung, und die Witterung ging verloren. Die junge Wölfin duckte sich, das Nackenfell gesträubt.

Callon schien es nicht wahrgenommen zu haben, und Avias war abgelenkt. Desoto versuchte zu ihrem Vater aufzuschließen, um ihn darauf aufmerksam zu machen, aber Callon hatte sich entfernt und sicherte den Rand des Birkenhains. Erst als er sich umwandte, um mit lautlosen Gesten den Wölfinnen zu bedeuten, dem Hain nach Süden zu folgen, konnte sie ihm ein dringendes Signal zukommen lassen.

Avias ließ ihren Blick zwischen Callon und Desoto hin und her schweifen. Sie schien den Geruch auch nicht wahrgenommen zu haben, und war verwirrt. Callon duckte sich zu Boden und hob nur die Nase empor, sog die Luft ein und die Witterung, die maratornai verriet.

Desoto konnte selbst auf die Entfernung sehen, wie sich seine Augen in Überraschung und Schreck weiteten, und sie verstand, was es bedeutete.

Maratornai warteten bereits auf sie.

Der Birkenhain ging in eine grasbewachsene Senke über; in der Mitte hatte sich sumpfiges Wasser abgesetzt. Gegenüber wurde der Wald wieder dicht und schwarz, das Unterholz schwer einsehbar, und die Luft modrig und süßlich. Dort konnten sich Menschen leicht verbergen; der weiche, stark riechende Boden würde ihre Spuren verschlucken, und solange der Wind nicht aus ihrer Richtung wehte, blieben sie unsichtbar für die WeuUkoo.

Callon bedeutete ihnen, sich langsam zurückzuziehen. Dann tat er etwas, das Desoto nicht erwartet hatte: Er erhob sich und lief aus dem Schutz der Bäume in die offene Senke hinein. Einen Moment lang war er für jeden deutlich sichtbar, dann rannte er wieder unter die Birken, weg von Avias und Desoto.

In diesem einen Moment offenbarten sich die Menschen. Ein lauter Knall ertönte aus dem Dickicht; Splitter rissen aus einem Birkenstamm unweit der Stelle, wo Callon eben noch gelaufen war. Dann eine zornige Stimme, ein Rascheln, und zwei maratornai traten aus den Büschen, Gewehre in den Händen.

Desoto hatte Menschen mit Gewehren bereits gesehen. Sie jagten damit: nutzten die Kräfte des Eisens, um andere Tiere niederzustrecken. Sie benötigten diese Waffen, denn sie waren zu schwach und langsam, um auf andere Weise zu töten. Als Verbündete des Eisens waren sie jedoch mächtig und gefährlich. Und es konnte keinen Zweifel geben: sie waren hier, um WeuUkoo zu jagen.

Callon hatte sie aus ihrer Deckung gelockt und wollte sie anscheinend von den Wölfinnen ablenken, wollte die Jäger hinter sich her locken, doch nun nahm Desoto mehr Gerüche wahr, und eine – nein, zwei, drei – Stimmen erklangen von einer anderen Seite. Mehr Menschen, mehr Gewehre.

Einer von ihnen zeigte in Desotos Richtung.

Sie schreckte auf, fast schon in Panik. Die Birken waren nicht dicht genug, um sie zu verbergen, und Callons Ablenkungsmanöver hatte nur die zwei ersten Menschen getäuscht, und auch das nur so lange, bis die übrigen Jäger der beiden anderen Wölfe gewahr wurden. Obgleich der maratorna sein Gewehr noch nicht im Anschlag hatte, konnte Desoto seinen Blick nicht ertragen; das Eisen war auf seinem Blick, und der Tod. Sie sprang zurück, wandte sich ab und floh zurück in die Richtung des Baches.

Callons Stimme erklang. Er schien bemerkt zu haben, daß die Aufmerksamkeit der Menschen nicht allein ihm galt wie beabsichtigt, und brachte sich in Erinnerung.

Desoto keuchte; sie konnte nicht fliehen ohne ihre Familie. Sie sah zurück, da war Avias, noch immer in Deckung und anscheinend ungesehen, und dort, am anderen Ende der Senke, sprang Callon aus den Bäumen hervor, querte die Senke mit wenigen Sätzen und rannte den ersten Jäger über den Haufen.

Die anderen maratornai hoben Gewehre, aber sie besannen sich offenbar vor dem Schuß, daß sie einen der Ihren treffen könnten, und dann war Callon schon unter ihnen, die Zähne gefletscht; Jäger wichen zurück und verloren das Ziel aus dem Auge, einer schwang das Gewehr wie eine Keule, und der Geruch von Eisen war überall.

"Verschwindet!" brüllte Callon in Desotos Richtung, doch sie war wie gelähmt, konnte nicht weiter, nicht einmal über den Bach, sie konnte nur zusehen, wie die Jäger versuchten, Callon ins Visier zu bekommen, doch der Wolf war zu nahe und zu schnell. Er erwischte ein Menschenbein mit den Zähnen, und der Mensch stieß ein Geheul aus, als sei er dem Tode nahe, dann stießen zwei andere Jäger mit den Kolben ihrer Waffen nach Callon, und der Rüde wich aus und setzte einem anderen hinterher. Die maratornai waren nicht sehr gut organisiert in ihrer Jagd; statt zusammenzuarbeiten, schienen sie sich gegenseitig aus dem Feld stechen zu wollen, brüllten sich gegenseitig an und wedelten mehr mit den Gewehren, als daß sie schossen. Zwei Schüsse lösten sich, aber keiner kam Callon nahe.

Trotz ihrer Furcht sah Desoto, daß Callon so nicht lange weitermachen konnte, doch er konnte auch nicht mit seiner Familie fliehen. In dem Moment, wo die Jäger zur Besinnung kamen und nicht mehr von einer Furie in ihrer Mitte bedroht wurden, in dem Moment, wo sie ihre Waffen erneut zum Einsatz bringen konnten, würden sie ihre Überlegenheit wiedergewinnen und die WeuUkoo niederstrecken.

Stimmen, Flüche, Schnappen und Kratzen. Nur einer der Menschen schien unberührt von dem Chaos abseits zu stehen und die Lage gelassen zu registrieren, ein altes erfahrenes Männchen mit breiten Schultern und kalten Augen. Er hob das Gewehr und feuerte.

Die Kugel schlug nur Zentimeter von Desotos Kopf entfernt in den Baum ein; scharfkantige Splitter durchdrangen ihr Fell und rissen ihre Haut auf. Avias sprang auf und machte große Sätze in Desotos Richtung. Das alte Männchen hatte das Gewehr noch immer an der Schulter, spähte durch das Eisen, ungerührt. Die Bäume behinderten seinen Schuß, doch sie machten ihn nicht unmöglich.

Desoto sah, wie Callon den vereinzelten Jäger bemerkte. Er wandte sich ab von den übrigen Menschen; diese waren zu verwirrt und aufgescheucht, um eine Bedrohung darzustellen. Nur einer war gefährlich, nur einer zielte auf seine Familie.

Avias erreichte Desoto, riß sie mit sich. Aus dem Augenwinkel sah Desoto, wie Callon den alten Jäger ansprang. Seine Zähne blitzten weiß; der Jäger drehte sich; dann waren die Wölfinnen über den Bach, und Desoto konnte nicht mehr sehen, wohin der Schuß ging, der hinter ihnen aufbellte; sie rannten dorthin zurück, woher sie gekommen waren, und Callon war nicht hinter ihnen.

Sie konnten nicht innehalten; wenn Callon die Jäger abschüttelte, würde er folgen, aber nun durften sie den maratornai kein Ziel mehr bieten. Desotos Herz raste, während sie dem Hirschpfad waldeinwärts folgten. Sie konnte den Schuß in ihrem Geist noch immer hören, und dann nichts mehr, nicht einmal die aufgebrachten Jägerstimmen; hinter ihnen herrschte Schweigen, nur vor ihnen erklangen wieder die scheppernden Laute, die sie vertrieben hatten.

Aber die scheppernden Menschen waren vielleicht gar keine Bedrohung. Wie viele maratornai gab es, die Gewehre trugen? Vielleicht benutzten sie die anderen Menschen nur, um ihre Beute ihnen entgegenzutreiben. Die einzige Richtung, die den WeuUkoo sicher erschienen war, war in Wahrheit die Falle der Jäger.

Sie hatten ohnehin keine Wahl. Witterung in der Brise verriet es: die drei Gruppen der Treiber standen ihnen im Weg, sie waren zu nahe, ihre Linien hatten sich wieder vereinigt. Panik blendete Desoto; sie konnte kaum sehen, wie die Menschen aufsprangen und auswichen, als zwei Wölfe zwischen ihnen hindurchpreschten, nicht einmal zehn Sprünge weit vom Unterschlupf entfernt. Die Hunde bellten und jaulten, rissen an ihren Leinen, aber kamen nicht los. Dann tauchte einer der maratornai direkt vor ihr auf, sie warf sich zur Seite, stolperte, rollte über den Boden. Dort waren zwei, die gerade noch auf metallene Zylinder geschlagen hatten, die Quelle des blechernen Geräusches; nun hielten sie inne und starrten ungläubig. Ein anderer stand am Unterschlupf, stocherte mit einem langen Stock in der leeren Höhle herum. Selbst dieser vertraute Ort war nun überrannt. Avias knurrte den Menschen mit dem Stock an, und er fiel rückwärts, die Hände hilflos ausgestreckt; so weich und schwach, daß man vergessen konnte, wie gefährlich er im Bund mit dem Eisen war.

Desoto rappelte sich auf, und Avias führte weiter, die drei Eichen entlang, über das Waldmeisterfleckchen und dann den Hügel hinauf, vorbei an den Eisenwagen auf dem harten Pfad, die leer und leblos dastanden. Es gab keine Pause und kein Innehalten. Die Jäger würden bald zu den Treibern aufschließen und die Spur aufnehmen.

Und dann liefen sie, liefen, bis ihre Körper sie nicht mehr tragen wollten, und dann noch ein Stück; in die Nacht hinein, quer durch das Territorium und darüber hinaus, und obgleich längst kein maratorna mehr in ihrer Nähe war, hallte immer wieder das Echo des einen furchtbaren Schusses durch Desotos Erinnerung, und die glühenden Augen des alten Jägers spiegelten sich in all der Nacht, die sie umgab.

* * *

Sie erwachte und schmeckte das Entsetzen auf ihrer Zunge, roch das Eisen noch einmal in ihrem eigenen Fell, und schreckte empor, bevor sie auch nur die Augen geöffnet hatte.

Dann entsann sie sich, wo sie waren; wohin sie die Flucht geführt hatte.

"Mutter..." Es gab kein Wort für das, was sie empfand. Sie lebten, aber ihr Zuhause war verloren.

"Still, mein Kleines. Sie werden uns nicht bis hierher verfolgen."

Aber Avias wußte ebensogut wie Desoto, daß die maratornai ihnen bereits alles genommen hatten außer ihrem Leben.

Callon war nicht gekommen.

Der Tag war vergangen, Dunkelheit hatte sich über das Felsenversteck gesenkt. Über ihnen leuchteten bereits Sterne. Die Tiere des Tages hatten denen der Nacht Platz gemacht, die nur geringfügig leiser ihre Angelegenheiten verfolgten, und der Wind rauschte in schwarzblauen Tannen in der weiten Wildnis.

Avias leckte das gesträubte Fell ihrer Tochter geduldig wieder in Form. Vor ihnen lag ein langer Weg, wenn sie Eru erreichen wollten, und sie würden alle Kraft brauchen.

Desoto streckte sich. Ihre Muskeln schmerzten; sie war das Laufen gewohnt, doch nicht über solche Strecken und Zeiträume. Unter ihrem Fell brannte es wie Feuer, und das rechte Hinterbein ließ sich nur mühevoll bewegen. Sie war auf ihrer Flucht irgendwann gegen ein Hindernis gestoßen, ohne es recht zu bemerken. Es spielte keine Rolle, sie mußten weiter.

Sie kletterte auf die Felsen wie am Tag zuvor und betrachtete die Sterne. Rewan, Rohan, Radaimak... die Augen der Ahnen blickten auf sie herab, funkelnd und ohne eine Spur von Mitleid. Ungeachtet der Möglichkeit, gehört zu werden, wollte Desoto ihnen entgegenheulen, aber sie brachte nur ein armseliges Winseln aus einer trockenen Kehle zustande. Zorn rollte über sie hinweg: auf die Ahnen, die über die ganze Welt hinwegsahen und doch nichts wirklich sahen, auf die maratornai, deren Bösartigkeit das Rudel zerstört hatte, selbst auf Callon, der sie längst hätte einholen müssen, der hinter ihnen zurückgeblieben war, der sein wortloses Versprechen gebrochen hatte, für sie da zu sein.

"Desoto!" mahnte Avias von unten. "Wir müssen uns auf den Weg machen."

Desoto kam von ihrem Aussichtsposten herab, vorsichtig, um ihr Bein nicht noch mehr zu verletzen. Avias berührte sie mit der Schnauze, tröstend.

"Warum hassen uns die Menschen so sehr?" Desoto glaubte nicht, daß Avias die Antwort kannte, daß überhaupt ein WeuUkoo die maratornai verstehen konnte, aber sie mußte die Frage stellen. "Wir haben ihnen nichts getan. Wir sind ihnen aus dem Weg gegangen. Wir haben uns bemüht, daß sie uns nicht einmal sehen."

"Haß?" Avias umkreiste ihre Tochter nachdenklich. "Vielleicht... Furcht? Neid? Wer weiß? Sie sind anders als wir. Ihr Leben hat mit unserem wenig gemein, und sie verstehen unsere Wege nicht."

Desotos Miene verdüsterte sich. "Ich hasse sie."

"Tu das nicht. Haß ist nicht der Weg. Er führt nur zu Bitterkeit und Verzweiflung."

"Es ist ihr Weg, und sie scheinen weder bitter noch verzweifelt."

Avias wandte sich zum Gehen. "Solange ich mich erinnern kann, hast du niemals dem Zorn nachgegeben. Laß dich nicht vom Haß verführen; es macht dich zu jemandem, der du nicht wirklich bist."

Spielt das eine Rolle? Desoto entgegnete nichts, sondern folgte wortlos, aber das Gefühl nagte weiter an ihr. Sie waren beide nicht mehr dieselben.

In einem hatte Avias recht: Haß war nicht ihr Weg, weder der der WeuUkoo, noch Desotos eigener. Sie wollte die maratornai nicht hassen. Das Gefühl brachte ihr keine Befriedigung, füllte nur ihr Herz mit zitternder Unruhe. Und dies machte sie um so zorniger auf die Menschen, die sie dazu gebracht hatten, zu hassen.

Nein, sie mußte einen anderen Weg finden. Doch sie entsann sich der Augen des Jägers, seiner kalten Ruhe, während er sie über das Eisen hinweg ansah. Diese Augen konnte sie nicht vergessen.

Vor diesen Augen mußte sie das Rudel beschützen – das, was noch davon übrig war, und das Rudel, das sie wieder aufbauen würden. Ihre Kraft und Standhaftigkeit mußten dem Eisen widerstehen. So schwer der Weg auch war, sie würde ihn als den ihren akzeptieren.

Mit gesenktem Kopf folgte sie Avias durch den Spalt zwischen den Steinen in den Wald, und die Entschlossenheit trug ihre Pfoten voran.

* * *

Der Weg war weit erschienen, als sie aus der Höhe auf die Wildnis herabschauten; was die Wanderung ihnen abverlangte, war jedoch noch weitaus schwieriger. Zu zweit konnten sie kein größeres Wild jagen und mußten sich mit kleinen Tieren begnügen, die sie stundenlang belauerten. Sie gruben nach Larven und schnappten Echsen, die sich morgens auf Steinen sonnten.

Und jeden Tag wanderten sie ein Stück. Mitunter waren es viele Kilometer, die sie zurücklegten, manchmal war es nur eine kleine Strecke bis zur nächsten Rast, wenn der Hunger sie zur Jagd zwang oder ein schweres Gewitter ihr Fell durchnäßte. Desoto zählte die Tage nicht. Doch mit jeder Rast hielt sie Ausschau, und an jedem Ort, wo sie die Nacht oder den Tag verbrachten, hinterließ sie ein Zeichen für Callon.

Wann immer es möglich war, folgten sie vorhandenen Pfaden von Hirschen oder Wildschweinen, oder sie hielten sich am Ufer eines Flusses. Der Wald war dicht und mitunter so bewachsen, daß sich die WeuUkoo durch dorniges Gestrüpp kämpfen mußten.

Schließlich lichtete sich das Unterholz, und der Boden wurde steiniger, die Hänge steiler, mehr Felsen säumten die Strecke. Dies waren die ersten Vorboten der Berge, und bald kletterten die Wölfe mehr, als daß sie liefen.

"Es heißt, die Erde habe sich geschüttelt", entsann sich Avias, "und ein ganzer Berg sank in die Tiefe und wurde zu dem, was wir als das Tal von Eru kennen. Es gibt noch heute Orte im Tal, wo die schwarzen Felsen aufragen und das Feuer der Erde aus Spalten quillt."

"Bist du je dort gewesen?" Desoto sah über ein Feld aus Steinen hinweg, das gemächlich abwärts führte. Sie folgten einer trockenen Rinne, die einmal ein Flußlauf gewesen sein mochte. In der Ferne brach die Ebene plötzlich ab; erst weit dahinter erhoben sich die Berge. Ein kleiner Horizont schien sehr nahe vor ihnen zu sein.

"Diese Orte lagen jenseits eines Canyons; ich habe keine Pfote dorthin gesetzt. Aber ich habe sie auf der anderen Seite liegen gesehen, aus der Ferne. Eine unsichere Gegend, voller tückischer Pfade und scharfer Steine."

Die Rinne wurde tiefer, ihre Wände steiler, und bald fiel der Weg vor ihnen stark ab. Rechts und links ragten schroffe Klippen in die Höhe, die sich mit jeder zurückgelegten Wolfslänge weiter in den Himmel schraubten. Dämmerung herrschte in der Schlucht, nur ein schmales Band blauen Himmels zog sich über ihren Köpfen dahin.

Dann öffnete sich der Weg ins Tal, die Klippen blieben hinter ihnen zurück, und sie standen auf einem grasbewachsenen Hang, der weiter unten in einen lichten Wald überging. Von hier aus konnte man weit über die Landschaft sehen: geschützt von den Klippen und den Bergen hatte sich reiche Vegetation in Eru ausgebreitet.

Avias seufzte zufrieden. "Hier sind wir in Sicherheit. Maratornai sind niemals bis hierhin gekommen."

Desoto hatte ihre Zweifel. Maratornai kamen überall hin, wenn sie es wollten. Aber sie sagte nichts. Mochte Avias den Frieden genießen. Desoto würde über sie wachen und Ausschau halten. Eine neue Heimat – wie sehr wollte sie es glauben.

"Gibt es andere WeuUkoo hier?"

Avias runzelte die Schnauze. "Heute? Ich weiß nicht. Vielleicht haben sich einige hier niedergelassen. Wanderer kamen gelegentlich nach Eru. Aber zu meiner Zeit gab es kein Rudel, das sich hier ein Territorium markiert hätte."

"Warum nicht? Es sieht wie ein guter Platz zum Leben aus."

"Es hat hier sicherlich Rudel gegeben. In Sidh Eryn auf jeden Fall, und auch hier unten im Tal. Aber die Zeit ist nicht freundlich zu den Wölfen von Eru gewesen. Junge Rüden wandern ab, Rudel lösen sich auf, alte Wölfe sterben, und ihre Nachkommen suchen die Fremde. Ich weiß nicht, warum immer wieder Wanderlust die WeuUkoo packt."

Desoto hatte darauf auch keine Antwort; sie hatte nie den Drang verspürt, ihre Heimat zu verlassen. Wären die maratornai nicht gewesen, hätte sie ihr ganzes Leben dort verbringen können, wo sie geboren war – wo heimische Gerüche in der Luft lagen und jeder Baum ihr vertraut war. Dort hätte sie ihre Welpen aufgezogen, vorausgesetzt, ein wandernder Rüde wäre vorbeigekommen, um sich mit ihr niederzulassen. Aber die alte Heimat war verloren, und die WeuUkoo waren zu Flüchtlingen geworden.

Desoto hatte nicht die Absicht, das Wandern zu ihrem Leben zu machen. Das Tal von Eru war ein guter Ort; sie war entschlossen, hier neu anzufangen.

In den nächsten Tagen erkundeten sie ihre unmittelbare Umgebung. Die Weu­Ukoo suchten sich einen Ruheplatz, der bei Regen trocken blieb und eine gute Übersicht bot. Es gab keinen perfekten Platz in der Nähe, doch Avias begann, eine temporäre Höhle unter dichten Wurzeln zu graben, falls das Wetter umschwingen sollte. Noch schien die Frühlingssonne über dem Tal, und die Tage wurden länger, doch auf kommende Stürme mußten die Wölfinnen gefaßt sein. Desoto lief Kreise um das Lager und prägte sich die Landschaft ein, folgte Spuren, brachte kleines Wild zurück zu Avias. Die Jagd war leicht; nur wenige große Beutegreifer streiften durch Eru, und das Wild war unvorsichtig.

Im Fluß lebten Otter, am Klippenhang hatten sich Dachse niedergelassen, und Desoto kreuzte mehrmals die Fährte von Füchsen, die sich jedoch mißtrauisch von ihr fernhielten. Eine ihr unbekannte Art von Vögeln stolzierte über Lichtungen und Wiesen, bunt und fett – aber erstaunlich flink. Mehrmals versuchte sie, eines der scheinbar unbeholfenen Tiere zu erbeuten, nur um von einem raschen Flügelschlag oder einem plötzlichen Haken ausgetrickst zu werden. Nicht die leichte Beute, für die Desoto sie gehalten hatte, aber zumindest ihre Eier waren köstlich.

Eine Pflicht jedoch gab es, die Desoto über all der Erkundung nicht vergaß. Während die Wochen ins Land gingen, stieg sie jeden Tag die Schlucht empor, durch die sie Eru betreten hatten, nahm den anstrengenden Weg auf sich, um am Ende der ausgetrockneten Flußrinne zu sitzen und Ausschau zu halten.

Ausschau nach einem Zeichen von Callon, einer Spur, einem Hinweis, daß er den Jägern entkommen war und die Fährte seiner Familie verfolgte. So viel Zeit war vergangen, und mit jedem Tag schien der Aufstieg mühsamer; Desoto aber ließ nicht ab von dieser Aufgabe. Eru und die Berge im Rücken, setzte sie sich auf einen Felsen und spähte in die Wildnis, die sie von ihrer alten Heimat trennte.

Und jeden Tag wurde sie aufs Neue enttäuscht, kehrte zurück in ihr neues Territorium, ohne das erhoffte Zeichen erhalten zu haben.

Sie waren bereits vier Wochen in Eru – vier Wochen des Wartens und der schwindenden Hoffnung –, und noch immer saß sie auf ihrem Felsen und starrte auf die Hügel der Vorberge, als Avias sich unvermittelt neben sie setzte. Die ältere Wölfin war bisher stets im Lager geblieben, wenn Desoto sich an den Aufstieg machte.

Für eine Weile schwiegen Mutter und Tochter und sahen gemeinsam in die Ferne. Desoto wollte nicht sprechen; dieser Fels war ein Ort, wo sie ihren Gedanken und Hoffnungen nachhängen konnte. Solange sie hierher kam, gab es noch eine Verbindung zu ihrem alten Leben.

Aber schließlich mußte sie das aussprechen, was sie am meisten fürchtete: was das einzige war, was zu sagen blieb.

"Er wird nicht mehr kommen."

Avias neigte den Kopf. "Nein." Die eine Silbe enthielt keinen Zweifel.

Desoto sprang ohne eine weiteres Wort vom Felsen. Sie fühlte eine Leere in sich, wo zuvor wenigstens eine kleine Hoffnung gewesen war, doch auch Erleichterung. Die Vergangenheit band sie nicht länger, war nur mehr Erinnerung. Die Zukunft für die WeuUkoo lag in Eru.

Gemeinsam stiegen die Wölfe die Schlucht hinab, in ihr neues Leben.